Urys Stil entspricht der in den USA geübten Praxis (oder Unsitte), Beweis zu führen mittels Beispielen. Er erzählt Geschichten aus dem Leben und zieht daraus Schlussfolgerungen, gelegentlich mit Wahrheitsanspruch. Oder er stellt eine Lehrmeinung vor und "belegt" deren Schlüssigkeit mit einer Story. Die meisten dieser Stories illustrieren und erhellen durchaus, was Ury als Lehrsatz formuliert, einige scheinen aber doch etwas weit hergeholt. Positiv fällt jedoch auf, dass Ury seine Darstellungen mit Quellenangaben im Anhang belegt.
Damit zum Inhalt des Buches: Wer hat nicht schon Ja gesagt, obschon er lieber Nein gesagt hätte? Ury zeigt einen gangbaren Weg aus diesem Dilemma. In der Mediation und im Konfliktmanagement gilt die Erforschung der wirklichen Interessen und Bedürfnisse der Streitparteien als einer der wichtigsten Schritte hin zur Auflösung des Konflikts. Ury greift auf diese Technik zurück, und er zeigt auf, wie der Leser seine eigenen Interessen, die ihm nur zu oft gar nicht bewusst sind, hervorholen kann. Weiter zeigt er auf, wie diese Interessen vom Nein zum konstruktiven Ja transformiert und schliesslich in Verhandlungen wie auch im Alltagsgespräch eingesetzt werden können. Insofern vermittelt das Buch auch Erkenntnisse in gewaltfreier Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Nur: der von Ury beschriebene Weg ist nicht einfach zu gehen. Der Leser tut gut daran, Urys Rat auf Seite 37 zu beherzigen und beim Durcharbeiten des Buches stets mindestens eine problematische Situation, in der er lieber Nein statt Ja gesagt hätte, vor Augen zu halten und die Methode an dieser Problemsituation zu trainieren. Auf Seite 38 führt Ury beiläufig aus: "Mit ein bisschen Übung, Geduld und Anstrengung werden Sie Ihre Schwierigkeiten (sc. beim Erlernen der Methode) überwinden ..." Dieser Satz sollte eher fett gedruckt am Anfang des Buches stehen, und zwar ohne das "bisschen". Das Buch ist einerseits sehr leicht verständlich geschrieben bzw. übersetzt und übersichtlich strukturiert, stellt aber hohe Ansprüche an den lernenden Leser. Fazit: Lassen Sie sich nicht stören durch einige Pauschalierungen, eine gewisse Langfädigkeit und durch pastoral anmutende Ratschläge. Wer sich der Mühe unterzieht, mit dem Buch zu arbeiten, wird reichen Gewinn aus ihm ziehen - vor allem, wenn er sich selber zu den Schüchternen, Nachgiebigen, Gutmütigen oder Ausgenutzten zählt.