Ich hatte das Glück, dass ich dieses Buch geschenkt bekam, denn aus eigenem Antrieb hätte ich es mir wahrscheinlich nicht gekauft. Vielleicht weil es so bescheiden und unprätentiös und bisher ohne gefeierte Buchbesprechung und ohne Vorschusslorbeeren einfach so auf dem Büchermarkt erschienen ist.
Glück hatte ich deswegen, weil sich dieses Tagebuch einer Endfünfzigerin (geschieden, allein in London lebend, eine verheiratete Tochter und ein Kater) als ein wundervoller Lesespaß entpuppte.
Die Heldin, Marie Sharp, hat beschlossen, sich ihrem nun nicht mehr zu verleugnendem Alter "60 plus" zu stellen.
Ihre künftige Lebensmaxime lautete unsentimental und realitätsoffen: "Man ist so alt wie man ist". Alle Versuche, den schleichenden Verfall zu beschönigen, etwa mit Sätzen wie: "Man ist so alt, wie man sich fühlt" oder "Man ist erst alt, wenn man nichts mehr vom Leben will", lehnt sie ab. Sie nimmt sich vor, anders zu sein, als die ewig "jungen Alten", die sich nicht eingestehen, dass der aufregende Teil des Lebens vorüber ist und dass es sinnlos ist, gar noch auf einen romantischen Prinz zu hoffen und endlos Geld und Zeit in eine Erwartung zu investieren, die sich letztlich doch nur als "Schadensbegrenzung" erweist. So beschließt sie trotzig, künftig und für den Rest ihres Lebens auch auf Sex zu verzichten.
Marie steht über allem. Selbst ihren eigenen Verfall beschreibt sie mit ironischer und gelegentlich auch schon sarkastischer Distanz.
Kein gutes Haar lässt sie u. a. an denen, die sich nicht eingestehen können, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Die sich eine Unentbehrlichkeit erzwingen, in dem sie sich beispielsweise mit einer Art Affenliebe über ihre Enkelkinder hermachen, um so ihrer eigenen Leere und Inhaltslosigkeit zu entgehen.
Aus der Perspektive der Darüberstehenden lästert sie mit einer erfrischenden Schnodderigkeit über die haarsträubenden Internetamouren ihrer Freundinnen, die verzweifelten Versuche, sich mit gespielter Coolness auf dem schmalen Grat zwischen "In" und "Out" der Party- und Kontaktszene zu bewegen. Sie beschreibt die unvermeidlichen Rückschläge und die damit einhergehenden Depressionen derer, die nicht aufhören, sich einzureden, dass die Errungenschaften der Zivilisation ewige Jugend ermögliche.
Maries Überlegenheit und auch Überheblichkeit ändern sich erst als sie selbst Großmutter wird und entgegen ihrer Postulate eine schier leidenschaftliche Zuneigung zu ihrem Enkelsohn Gene entwickelt und als noch zwei weitere Begebenheiten, die aber der Spannung wegen hier nicht verraten werden, ihre mutige und schonungslose Lebensmaxime nachhaltig erschüttern. Sie muss sich eingestehen, dass das Leben eben auch nach 60 noch weiter geht und dass ihre gepriesene Distanz zum Alter vielleicht gerade d i e Alterserscheinung war, der sie so "cool" zu entgehen trachtete.
Das Buch gibt vielerlei Anlass zum Schmunzeln. Die Autorin spricht aus dem Herzen, bestätigt und entlarvt und zerrt den Leser selbst gelegentlich ins harte Licht der Realität, fordert Eingeständnisse eigener Beschönigungen,
Das Buch regt aber auch an, über die Sinngebung des Alters nachzudenken und mit dem Eingeständnis der Protagonistin, dass man auch im Alter das Leben nicht inszenieren, sondern nur unvoreingenommen und gefühlsbereit leben kann, versöhnt sie und verbreitet Gelassenheit und Zuversicht.