Herbst des Lebens? Mitnichten! Die Jungen haben viel Zeit, leider nur gehört ihnen bloss ein Bruchteil davon. Im Alter hingegen schrumpft die Zukunft, dafür hat sie für sich alleine. Ein Grund, das Leben mit neuer Entschlossenheit anzupacken. Nicht bloss wegen der Dinge, die man nicht mehr tun muss, sondern noch mehr angesichts der Vorzüge, die die Gelassenheit des Alters einem eröffnen. Es kann z.B. von Vorteil sein, wenn man sich nicht mehr an alles erinnern kann oder nicht mehr Sex einen Grossteil des Lebens bestimmt, sondern Gefühle der Nähe, Entspannung, Sinnlichkeit, Geborgenheit, Zufriedenheit und Erfüllung an die Stelle von Orgasmen treten. Den ungeheuren Reichtum an Möglichkeiten, der einem Berufstätigen fehlt, demonstriert Virginia Ironside an alltäglichen Dingen wie Reisen, Sex, Gedächtnis, Selbstbewusstsein, Arbeit, Aussehen, aber auch an tiefgründigen Themen, wie Freundschaft, Einsamkeit, Ängste, Schmerzen, Tod usw.
Fazit: Ein hinreissendes, mit subtilen Alltagsbeobachtungen gespicktes Gute-Laune-Buch nicht nur für Menschen, die ihrer Vergangenheit nachtrauern, sich durch das Alter in Torschlusspanik versetzen lassen und an seiner Sinngebung zweifeln, weil sie meinen, der aufregende Teil ihres Lebens sei vorüber; nein, auch eine Bestätigung für all die Senioren, die den Jugendwahn nicht mitmachen, sondern die Rosinen des Alterns erkennen und sie geniessen.
Das mit viel Witz und Ironie, aber gleichzeitig ungeheurem Tiefgang und herzlichen Emotionen geschriebene Buch ist eine Fundgrube für Menschen, die das Glück haben, das Alter zu erleben und für die das Alter nicht erst dann interessant wird, wenn sie zu alt dafür sind. Die Autorin schildert, welch ungeahnte Möglichkeiten und Freiheiten das Alter bietet, um mit dem Wissen und der Erfahrung, die der Jugend fehlen, das zu tun, wovon junge Menschen träumen. Die Spannweite ihrer stilistischen Ausdruckskraft reicht von warmherzig und einfühlsam bis hin zu Hohn und Spott. Bestimmte, mit staubtrockenem schwarzem Humor beschriebene Situationen sind zuweilen gar geprägt von beissendem Sarkasmus. Und wenn die Autorin auf gewisse gesellschaftliche Missstände hinweist, steigert sie gar in eine regelrechte negative, mieslaunige Griesetante, was man ihr angesichts der Komplexität des heutigen Lebens jedoch nachsieht.
Ohne die Einschränkungen und unangenehmen Realitäten des Alters zu ignorieren, ist dieses Buch eine herrlich lebensfreudige Auseinandersetzung mit dem Thema "Altern", in der die Autorin den Leser dazu aufruft, mit den negativen Vorurteilen darüber aufzuräumen und ihm Mut macht, die vielfältigen Chancen und Kraftquellen des Alterns anzugehen.