Ein Fantasy-Schriftsteller, ein Horrorfilm-Regisseur und eine Bestseller-Autorin - wer sollte ausgerechnet einem solchen Trio, das sich ja gewisserweise das Lügen zur Profession gemacht hat, die unglaubliche Geschichte glauben, die sich in den Katakomben unter dem Londoner Stadtbezirk Hampstead zugetragen hat? Eine Geschichte, in deren Verlauf die ungeliebte und wenig attraktive Geobiologin Miss Finch während einer ominösen Zirkusvorstellung verschwindet - um später als von Säbelzahntigern flankierte Amazone noch ein letztes Mal aufzutauchen. Richtig: Niemand.
Der Autorname Neil Gaiman ist - im Grunde sicher auch zu Recht - mit geradezu gigantischen Erwartungen aufgeladen. Kein Wunder also, dass diese nicht bei all seinen Veröffentlichungen, aktuell mit «Die ganze Wahrheit über den Fall der verschwundenen Miss Finch», nicht gänzlich erfüllt werden können. Das hängt zum einen mit dem verlegerischen Aspekt zusammen: Die edle Aufmachung des relativ dünnen «Gaiman Bibliothek»-Bandes suggeriert, dass zwischen den beiden Hardcover-Buchdeckeln das absolute Non plus ultra wartet - was halt leider Gottes einfach nicht so ist. Zum anderen handelt es sich ja natürlich «nur», was bei solchen Projekten oft in Vergessenheit gerät, wie bei «Coraline» um eine Adaption von Todd Klein einer Kurzgeschichte aus der Feder Gaimans und nicht im eigentlichen Sinne um einen Comic nach einem speziell auf das Medium ausgerichteten Script oder Storyboard des «Sandman»-Autors. Im Grossen und Ganzen lässt sich sagen, dass die von Michael Zulli in Aquarellgrafik ausgeführte Graphic Novel «Miss Finch» gute Unterhaltung im viktorianischen Gruselmär-Stil bietet und einen nicht loslässt, bevor ausgelesen ist. Und das ist ja auch schon einiges. (Comic-Check)