Vielen, wenn nicht allen, die sich ausgiebig mit Philosophie beschäftigten, ergeht es früher oder später so, dass sie auf einen Autor bzw. eine Schule stoßen, die ihnen zumindest fürs erste einleuchtend erscheint. So werden sie zumindest zeitweise zu Anhängern der betreffenden Richtung. Vieles erscheint durch die so erworbene Sichtweise in einem neuen Licht und wird dadurch klarer oder überhaupt erst erkennbar. Dieser nicht zu verachtende Zugewinn an Wahrnehmungsfähigkeit hat jedoch auch seinen Preis. Unvermeidlich werden dabei andere Aspekte, Teile der Dinge, ja fast immer sogar ganze Gegenstandsbereiche unserer Welt als irrelevant gebrandmarkt und damit aus der erworbenen Wahrnehmung ausgeschlossen. Diese Erfahrung gilt übrigens nicht nur für die Philosophie, sondern letztlich für jede Wissenschaft bzw. Erkenntnisweise (ganz zu schweigen von Scharlatanerien wie etwa Religionen, Esoterik oder auch das Gros der Gesundheitsmoden, die letztlich NUR Erkenntnisausschluss und noch nicht einmal eine echte neue Sichtweise der Dinge bringen). Jeder Mensch hat daher auch mulmige Gefühle beim Erwerb einer neuen Sichtweise der Dinge. Nur werden diese in aller Regel ignoriert und anschließend verdrängt bzw. schlicht vergessen. Im schlimmsten Fall wird man zum Anhänger einer Doktrin und verhärtet sich gegen alles, was nicht passend ist. Oder aber genauso schlimm: Man erkennt das Grundproblem und reagiert darauf mit einem vollkommen gleich-gültigem Relativismus. Hier besteht der schlimmste Fall darin, dass man sich nahezu restlos von allem kritschen Denken lossagt und auch dem allergrößten Unsinn nichts mehr entgegen zu setzen hat. Nicht zuletzt ist auch die "Flucht" in einen totalen Skeptizismus, der sich jeglicher Erkenntnismöglichkeit verweigert, keine wirkliche Alternative.
Ein mächtiges Gegengift gegen all diese Haltungen stellt Adornos Negative Dialektik dar. Mit Adorno entgeht man sowohl der Verhärtung der Dogmatik als auch den Vergleichgültigen eines wurschtigen Relativismus wie eines allen auflösenden Skeptizismus. Seine Negative Dialektik ist ein Denken in Bewegung, auch gegen das Denken und seine Form selbst. Es lässt andere Aspekte und Seiten des Lebens, auch Gefühl, zu. Es ist Denken gegen alle Gewissheiten, auch die eigenen, das sich selbst aber dennoch nicht einfach in die völlige Geistlosigkeit oder Vergleichgültigung entlässt.
Adorno arbeitet sich hauptsächlich an der positiven Dialektik Hegels (bwz. an dessen "positiver Negativität", wie er sie auch nennt) sowie an der seinerzeit gerade populären Seinsphilosophie Heideggers ab. Dennoch ist das Buch auch heute noch aktuell. Seine scharfsinnige Kritik lässt sich ebenso hervorragend gegen den Relativismus bzw. Ästhetizismus von Postmoderne und Dekonstruktion wie auch gegen die technokratischen Verhärtungen des Neoliberalismus in all seinen Erscheinungsformen mobilisieren.
Wie aber erschließt man sich dieses nicht gerade einfach zu lesende Werk? Anders als andere Rezensenten möchte ich von der vorangehenden Lektüre anderer Bücher Adornos abraten. Keines davon erschließt sich seinerseits leichter. Meines Erachtens ist die Negative Dialektik sogar eines der klarsten und am besten zu verstehenden Bücher Adornos. Was leider nicht bedeutet, dass es nun seinerseits wirklich leicht zu lesen wäre. Ich weiß auch nicht, ob Sekundärliteratur zu Adorno hilfreich ist. Meine Empfehlung lautet vielmehr, sich erst einmal mit den Autoren zu befassen, an denen Adorno sich abarbeitet. Dabei nun könnte zumindest fürs erste Sekundärliteratur genügen. Konkret bedeutet das 1) eine Auseinandersetzung mit der Erkenntnistheorie von Immanuel Kant. (Da ich selber den wirklich dornigen Weg Weg der direkten Lektüre beschritten habe, kann ich keine echte Empfehlung für passende Sekundärliteratur abgeben, aber bisher hat mich der Marix-Verlag in dieser Hinsicht noch nie enttäuscht.) 2) Eine gute Einführung in Hegels Dialektik. Empfohlen seien: Thomas Sören Hoffmann: Hegel - Eine Propädeutik (marixverlag) sowie Walter Jaeschke: Hegel. Handbuch Leben-Werk-Wirkung (Metzler Verlag). Das erste Buch ist billiger, gut sind beide. Und sie ergänzen sich gegenseitig hervorrragend. Am besten also beide lesen. Mit dieser Grundlage kann man schon recht gut an das Denken Adornos anschließen. Empfohlen sei auch 3) die immer noch gute und äußerst fachkundige Rowohlt-Monographie zu Heidegger von Walter Biemel. Aber Heidegger wird von Adorno recht gut referiert, so dass man sich hier nicht unbedingt allzu sehr vorbereiten muss. Ach ja: Grundkenntnisse der Kritik der politischen Ökonomie von Marx wären auch nicht zu verachten. Hier sei 4) das zur Zeit sehr populäre Buch von Michael Heinrich: "Kritik der politischen Ökonomie - Eine Einführung" empfohlen. Das ist jetzt zugegeben eine Menge Vorbereitung. Aber den Mount Everest besteigt man ja schließlich auch nicht einfach in Jeans und Turnschuhen.
Einige Kritik kann ich dem seligen Herrn Adorno leider nicht ersparen. Was wirklich schwer nervt, ist seine bildungsbürgerliche Dünkelhaftigkeit. Dabei ist seine bekannte Marotte, das Wörtchen "sich" in den nicht gerade kurzen Sätzen so weit wie möglich hinten unterzubringen, noch die harmloseste. Daran hat man sich sehr schnell gewöhnt. Viel schlimmer ist die reichliche und nicht selten überflüssige Verwendung von vollkommen ungebräuchlichen Fremdworten, von denen sich viele bis heute noch nicht einmal im Duden (!) finden lassen. Am allerschlimmsten aber sind die gelegentlich vorkommenden altgriechischen Wörter in altgriechischer Schrift - die noch dazu aufgrund der geringen Druckqualität kaum voneineander zu unterscheiden sind. Das können nun wirklich nur Musterabsolventen humanistischer Gymnasien lesen. Hier ist auch Kritik am Verlag angebracht, der sowohl angesichts der Fremd- wie auch der altgriechischen Lehnwörter gut daran getan hätte, einen entsprechenden Anmerkungsapparat zur Verfügung zu stellen. [Sofern es eine solche Ausgabe gibt, wäre ich für einen Hinweis in der Kommentarfunktion sehr dankbar.]
Generell will sich mir bis heute nicht wirklich erschließen, warum sich kritisches Denken und allgemeine Verständlichkeit gegenseitig ausschließen sollen. Letzteres eine Auffassung, der Adorno (und nicht nur er) leider anhing. Wegen dieser Kritik nun aber Punkte in der Wertung abzuziehen, das wäre reichlich kleinkariert. Zumal gerade ein solch schematisches Wertungssystem jede Menge von den Dingen abschneidet. Es ist so banal wie es wahr ist: Schon hier beginnt bereits Negative Dialektik. Damit hört sie aber noch lange nicht auf.