Nefertiti ist die letzte rein akustische Einspielung des "zweiten Miles Davis Quintetts", auf "Miles in the Sky" oder "Filles de Kilimanjaro" kommen schon E-Pianos und soulige, funkige Grooves zum Einsatz. Die Grundstimmung dieser Scheibe ist zwar nicht ganz so düster und schwermütig wie bei"Sorcerer", mit seinem introvertiertem, kühl-distinguiertem Sound gehört "Nefertiti" aber zu den anspruchsvollsten Alben die es von Miles gibt.
Das "zweite Miles Davis Quintett" (1965-68) erreicht hier höchste Perfektionierung und Verfeinerung des Zusammenspiels, bei maximalem Freiheitsgrad der zur Verfügung stehenden Mittel (quartenorientierte Melodik und Harmonik, Polyrhythmik, erweiterte Modalität u.a.) Die zwei Dekaden andauernde Evolution des Bebop wurde hier gewissermaßen zu ihrem krönendem Abschluss geführt, jede weitere Entwicklung konnte für Davis jetzt nur noch in einer anderen Richtung geschehen: Elektrifizierung der Band und Übernahme von Elementen aus Funk, Rock und Soul.
Vielleicht trug sich Miles Davis schon mit diesen Gedanken und hat deswegen das kompositorische Schaffen, wie zuvor auch schon auf "Sorcerer", ganz in die Hände seiner Mitmusiker gegeben - eine kreative Herausforderung, die vor allem Wayne Shorter über sich hinauswachsen lässt. Das Titelstück aus seiner Feder kehrt die herkömmiche Rollenverteilung der Instrumente um: die lang ausgehaltenen Töne des Thema werden von den Bläsern ständig wiederholt, während Tony Wiliams solistische Einlagen zum Besten gibt und sein polyrhythmisches Vexierspiel mit dem Timing treibt, unterstützt von akkordischen Einwürfen des Pianos und dem treibenden Puls des Basses.
Auch bei "Fall" ist das Thema immer präsent, mal vorder- mal hintergründig, auch während der Soli, wodurch die atmosphärische Dichte und Kohärenz einer musikalischen Ordnung entsteht, die im Grunde auf das "Call and Response -Prinzip" von Spiritual oder Worksong zurückgeht.
Das nächste Stück, "Hand Jive" von Tony Williams, ist mit seinem "straight-forward-Drive" von Drum und Bass eher dem Hard-Bop zuzurechnen; um den Solisten größtmöglichen Freiraum zu lassen, begleitet Hancok nur das Thema am Anfang und am Ende, dann heißt es für ihn "tacet"; selbst bei seinem eigenen Solo lässt er die linke Hand weitgehend weg.
Hancoks "Madness" geht ähnliche Wege: nach einem kurzem Thema, ein langes, ausgreifendes Solo von Miles, unbehindert von Pianovoicings, während Ron Carter seine Walkings auch schon mal im Fünfvierteltakt dagegen setzt, Nach Wayne Shorters Solo, scheint die Time zusammenzubrechen, nun heißt es"tacet" für Wiliams, das Piano soliert eine Zeit lang in diesen Leerraum hinein, doch schon beginnt sich der Groove wieder zu konsolidieren...in Wirklichkeit war er nie verloren.
Auch das Latin-angehauchte, Stück "Riot" stammt von Hancok, es ist auch auf seinem Album"Speak Like A Child"(1968) zu hören. Der kurze (3:05) Tune stellt mit seinen rasch aufeinander folgenden Soli eine angenehme Abwechslung zu den Längen der andern Stücke dar.
"Pinocchio", das ursprünglich letzte Stück auf dem Album - was folgt sind "alternative Takes" als Bonustracks - ist ein weiteres Highlight aus der Feder von Shorter. Das 18-taktige, schnörkellos-coole Thema wird anfangs 4 mal wiederholt und taucht auch zwischen den Soli von Trompete und Saxophon wieder auf, die ohne Pianobegleitung stehen, was Solisten und Drummer größtmögliche Freiheit erlaubt. Interessant der alternative Take von "Pinocchio" der dem selben Ansatz wie "Nefertiti" folgt: das Tempo ist fast auf Hälfte zurückgenommen, das Thema wird ständig wiederholt und es finden keine Soli statt, um Platz für Tony Wiliams "rhythmische Verwindungskunst" zu schaffen.
Sound: sehr gut, perfekte Balance, angenehme Räumlichkeit.
Aufnahmejahr: 1967
Label: Columbia Records
Besetzung:
* Trompete: Miles Davis
* Tenorsaxophon: Wayne Shorter
* Piano: Herbie Hancock
* Bass: Ron Carter
* Schlagzeug: Tony Williams
Produktion: Teo Macero, Howard Roberts
Studio: CBS Studios, New York City