Tja, wie hab ich mich auf Nebra gefreut...
Thomas Thiemeyer war gerade dabei eines meiner Lieblingsautoren zu werden, nachdem ich Reptilia und Magma gelesen habe.
Tolle Atmosphäre, gute Charaktere, angenehmer Schreibstil und gerade bei Magma eine bombastische Story.
Die Vorfreude auf Nebra war somit riesig. Vor allem nachdem ich erfahren habe, dass sein neues Buch in Deutschland, im Harz spielt.
Gleich zu Beginn geht es auch ordentlich los: Keine langweilige Charaktereinführung sondern eine gruselige Höhle, spannende Atmosphäre und sofort schockierende Geschehnisse. Was will man mehr?
Und das war's dann auch erst mal.
Es folgen unzählige Hin- und Herfahrten von Halle in den Harz und zurück, um in Museen und Restaurationswerkstätten den historischen Kram um die Himmelsscheibe durchzuackern.
Eine kurze Fahrt nach Irland (der Leser soll sich ja nicht über mangelnde Schauplätze beschweren) um sich -sie ahnen es schon- weitere Fundstücke und Infos zur Himmelsscheibe zu holen.
Langsam wird's ein bisschen öde...
Hier lässt Thiemeyer natürlich keine Gelegenheit aus, mit seiner Recherchearbeit zu protzen.
Straßennamen und Gegebenheiten in Halle, alle Örtchen rund um den Brocken, örtliche Gepflogenheiten bis hin zum Schierker Feuerstein (der lokale Kräuterschnaps) werden pingelichst aufgezählt.
Fast alle Protagonisten wirken aalglatt, die meisten sehen natürlich unglaublich gut aus und entsprechen 100% ihrem Stereotypen. Ok, für tiefe Charakterstudien war Thomas Thiemeyer noch nie die erste Wahl.
Alles eigentlich noch nicht so schlimm, aber irgendwie passiert lange Zeit erst mal nichts wirklich spannendes.
Man erahnt viel zu früh, woher die Gefahr kommt und wohin das alles führen soll.
Das meiste was der Fantasie des Autors entsprungen ist, wirkte entweder geklaut oder total hanebüchen. Ich bin übrigens wirklich kein Realitätsfanatiker und fand "Die Stadt der Regenfresser" wirklich toll. Aber für einen Roman für Erwachsene ging es mir manchmal einfach zu weit.
ACHTUNG SPOILER ANFANG
Vielleicht fehlt mir auch einfach die Fantasie, wenn ich mir einen Schamanen vorstellen soll, der in kompletter Fellmontur und Kriegsbemalungen mit zwei kotbeschmierten Wolfsmenschen in Halle ein Relikt aus einem Tresor klauen will.
SPOILER ENDE
Dazu kommt die absolut vorhersehbare Story. Ich weiß nicht, warum der Autor so früh so eindeutige Hinweise (äußerliche und charakterliche Eigenschaften) auf den Bösewicht gibt. Ich gehöre schon zu den Lesern, die praktisch nie vor der Auflösung den Mörder eines Krimis erraten.
Neue Charaktere, wie z.B. die Polizistin mit ihrem unerfahrenen Partner, müssen ebenfalls (aalglatt) beschrieben werden, bringen aber weder frischen Wind noch die Story voran. Ich hätte es verstanden, wenn sie zumindest am Ende entscheidend zur Handlung beigetragen hätten.
Der Showdown wird natürlich nicht über eine interessante oder irgendwie intelligente unerwartete Storywendung zum Abschluss gebracht, sondern über Action-Sequenzen, von denen man heutzutage schon von schlechten Hollywood-Movies genervt ist und die in Büchern erst recht nicht funktionieren. (Eigentlich der Grund, warum ich Bücher lese)
So kann die Hauptprotagonistin Hannah Peters noch mal zeigen, wie übermenschlich (ein Adjektiv, das der Autor in diesem Zusammenhang selbst gern benutzte) mutig, schnell und stark sie ist.
Auch der Schreibstil ließ diesmal ein wenig zu wünschen übrig. Kaum ansprechende, bildliche Beschreibungen, dafür ständige Wiederholungen und mäßige Wortvielfalt. "...und reckte ihr Kinn hervor" hab ich geschätzte 5 mal gelesen, was wohl die Trotzigkeit und das Selbstbewusstsein der Frau Peters beschreiben sollte.
Klar, ist natürlich alles Geschmackssache und ich schließe nicht aus, dass sich der eine oder andere Thiemeyer-Fan wieder gut unterhalten fühlt. Für mich war es allerdings eine Enttäuschung. Ein Teil meiner Kritik ist vielleicht auch "Meckern auf hohem Niveau", da ich wirklich viel erwartet, aber in meinen Augen nicht viel bekommen habe.
Bei aller Meckerei gebe ich dem Buch zwei Sterne, da einige Passagen auch Spaß gemacht haben und das Thema Himmelsscheibe und Brocken eine gute Idee war.
Hardcore-Thiemeyer Fans können zugreifen, allen anderen würde ich eher zu den anderen Werken raten. Lust auf Sci-Fi / Fantasy - Elemente sollte generell bei Thiemeyer Büchern vorhanden sein.