Entgegen sonstiger katastrophaler Auswirkungen von Flussüberschwemmungen scheint es den Menschen am italienischen Po kaum etwas auszumachen, wenn die Lebensader ihrer Region über die Ufer tritt. Bedächtig, mit erfahrener Gelassenheit regeln die Menschen vor Ort die nötigen Schritte für die Bevölkerung und lassen sich auch nicht durch amtliche Vorgaben der Regionalregierung aus der Ruhe bringen.
Selbst das Verschwinden des alten Anteo Tonna, dessen Lastkahn plötzlich ungesteuert die Flusswindungen entlang treibt, sorgt nicht für aktivere Beredsamkeit - im Gegenteil. Die Einheimischen scheinen in keiner Weise berührt, auch dann nicht, als einen Tag nach dem Verschwinden des alten Mannes dessen Bruder aus dem Fenster eines Krankenhauses stürzt.
Der dynamische, engagierte Kommissar Soneri, der sich neben den Recherchen von seiner Freundin und ebenfalls von dem Fall involvierten Staatsanwältin durch aufregende Treffen ablenken lässt, vermutet mehr als einen Zufall. Seine Nachforschungen offenbaren Zusammenhänge aus der Vergangenheit der beiden Männer und ihrem Kampf in der Auseinandersetzung zwischen den Kommunisten und Faschisten.
Von den Männern der Stammkneipe nahe dem Flussufer erfährt Soneri kaum etwas. Trotzdem kann er die wenigen Elemente doch so zusammenfügen, dass sich mehr und mehr eine sinnige Erklärung und sehr bald auch in der Tat ein möglicher Zusammenhang der beiden Todesfälle ergibt. Es zeigt sich, dass offensichtlich beide Männer ermordet wurden. Daneben entdeck der Kriminalist, dass sich zu den Geschehnissen der Vergangenheit illegale Aktivitäten des vermissten Schiffers mischen, als er in dem Kahn von Tonna Spuren findet, die auf Flüchtlingstransporte hinweisen.
Trotz, vielleicht auch wegen der stets düsteren, aber sehr bildhaften Beschreibung der stillen Landschaft und der düsteren Witterung entwickelt sich der wenig aktionsreiche Kriminalroman anhaltend spannend. Aufgrund der unkomplizierten Sprache, aber dennoch sehr literarischen Ausdrucksweise, ist „Der Nebelfluss" bereitet das Buch des über Kierkegaard promovierten Italieners Valerio Varesi ein entspannendes Lesevergnügen. © 10/2005, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.