Als das Buch Mitte der 1980er herauskam, war es ein "muss", es gelesen zu haben. Vergleichbar fast nur mit dem späteren Hype um Harry Potter. Jede Altersklasse, Frauen und Männer, lasen "Die Nebel von Avalon".
Denn damals bot das dicke Buch tatsächlich etwas Neues: Fantasy, ja, das kannte man von "Der Herr der Ringe" oder Michael Ende. Aber Fantasy aus der Sicht einer Frau geschrieben, abseits von Waffengeschepper und Blutsbrüderschaften - das war neu. Stattdessen wurden die Helden plötzlich zu Söhnen, Brüdern, Ehemännern, Vätern und damit auf die Erde geholt. Statt eines Kampfes gegen die Dunkelheit des Bösen geht es um den Clash der alten und neuen Kultur, der keltischen Urreligion und dem aufkommenden Christentum.
Morgana ist die Halbschwester König Artus', die in den alten Geschichten eine sehr negative Rolle spielt: meist wird sie als böse Zauberin dargestellt, als schwarzer Gegenpart zum guten Merlin, die zudem auch noch ihren eigenen Bruder verführt und ihren gemeinsamen Sohn dann gegen den Vater aufhetzt, so dass es letztlich dieses Kind aus Artus einziger Sünde ist, was ihm und seinem Reich den Untergang bringt.
Zimmer-Bradley hält sich in vielen Grundzügen eng an klassische Artus-Erzählungen, macht aber aus Morgana zwei Personen: die intrigante Morgause (Artus' Tante) und die Priesterin Morgaine (Artus' Halbschwester).
So beginnt der Roman nach einem vielleicht etwas zu umständlichen langen Einleitungsteil über die Affäre zwischen Artus' Mutter und Uther Pendragon (mit ein paar sehr esoterischen Atlantis-Einstreuungen, die den Eindruck schaffen, dass Zimmer-Bradley wohl eine Anhängerin der anthroposophischen Geschichtstheorie gewesen sein mag) auf ca. S. 150 erst so richtig, wenn Morgaine als Erzählerin übernimmt, von Artus als Jungen und von ihrer eigenen Ausbildung zur Priesterin erzählt. Auch Lancelot, Gawain und andere bekannte Helden tauchen als Teenager auf, verlieren so etwas ihren Nimbus und werden sympathisch.
Später dann lebt Morgaine am Hof ihres Bruders, so dass die meisten Abschnitte aus ihrer Sicht geschildert werden. In dem dicken Wälzer kommt tatsächlich nahezu alles der Artus-Geschichten vor, von Lancelots und Guineveres (hier: Gwenwhyfar) Affäre über die Kämpfe gegen die Sachsen bis zum Untergang der Tafelrunde.
Wichtig erscheint mir, dass "Die Nebel von Avalon" definitiv kein historischer Roman ist, auch wenn das Buch dort manchmal in Buchhandlungen eingestellt wird. Genau wie die Artus-Geschichten selbst ist der Roman eine reine Fantasiegeschichte.