Bevor ich Neal Morse 2007 auf der Sola Scriptura-Tour in Aschaffenburg bewundern durfte, dachte ich, wer um Himmels Willen sollte den ganzen hochdiffizilen Prog-Stoff live mit ihm auf die Bretter bringen? Da staunte ich nicht schlecht, als sich fünf mir unbekannte Musiker um den Meister aufstellten, die so blutjung aussahen, dass Neal Morse glatt ihr Vater hätte sein können. Die anfängliche Skepsis verflog im Nu - Neal und (und garantiert auch viele andere im Colos-Saal) restlos begeistert. Dieses Begeisterungspotenzial birgt auch diese Live-DVD!
Die Show in Zoetermeer vom Mai 2007 auf DVD1 ist eine knapp dreistündige Reise durch die Morse'schen Schaffensphasen. Das seinerzeit brandneue Luther-Epos Sola Scriptura wird dabei fast komplett dargeboten, bis auf die Ballade "Heaven In My Heart" - für mich genau die richtige Entscheidung! Die Alben "Testimony" und ? gibt's in gekürzter Form, aber als solche dennoch am Stück gespielt. Das ist prima so, denn die Stücke daraus gehören einfach zusammen. "Testimony" mutiert zum "Testimedley", dessen Teile akribisch ausgewählt wurden. Von "One" hat es der geniale Longtrak "The Creation" in die Setlist gepackt. Ein paar Abstecher in Neals Zeit bei Spock's Beard und sogar ein Transatlantic-Track ("We All Need Some Light") runden die Setlist ab.
Die ganze Band zeigt sich als perfekt eingestellte Einheit. Alle Instrumente gehen höchste handwerkliche Schwierigkeiten nicht einfach mit, sondern setzen jedes für sich Akzente. Besonders Drummer Collin Leijenaar beweist sich als meisterhafter Prog-Drummer mit einem enormen Potenzial an technischen Kabinettstückchen. Aber auch die Kollegen von der Melodieabteilung erhalten Freiräume gegenüber den Studioversionen, die sie exzellent zu nutzen wissen. So streut Keyboarder Henk Doest in "Two Down, One To Go" ein wunderbares Stück Piano-Jazz mit passendem Walking Bass von Wilco Van Esschotens ein; und Paul Bielatowicz frickelt Soli zum Zungeschnalzen, erntet dafür wie in "Upon The Door" auch Applaus auf offener Szene. Und wenn Neal Morse sein unfassbar schnelles, virtuoses "Sola Scriptura"-Thema auf dem Keyboard spielt, wie zum Beispiel bei "Party To The Lie", dann sind alle zusammen so tight dabei, dass mir schon Mal die Kinnlade in den Keller klappt.
Doch nicht nur die Technik stimmt - auch das Feeling. Neals Longtracks und Konzept-Großwerke bewegen sich schließlich stets zwischen Polen, zwischen handwerklichen Meisterleistungen und balladenhaften Ruhepunkten. Seien diese wehmütig angehaucht wie in "Somber Days" oder aufbauend optimistisch wie in "Wind At My Back" - Morse und seine Kollegen spielen und singen sie mit ganz viel Seele und Anmut. Neals Gesang unterstützt über weite Strecken Jessica Koomen mit hohen Backings - zwei Stimmen, die einander prima ergänzen und zudem die Stütze vieler formidabler Chorgesänge der ganzen Band bilden. Es gibt hier und da ein paar schräge Töne, vor allem aus der Kehle des Meisters selber, die ich ihm bei seinem teils ekstatischen Einsatz aber überhaupt nicht krumm nehme.
Es ist wahrlich mitreißend, zu hören, zu sehen und zu fühlen, wie Neal Morse diese Musik mit Mimik, Gestik und Leidenschaft auf der Bühne lebt und dabei immer wieder den Kontakt zum Publikum sucht. Und nach drei Stunden hinterlässt er ein frenetisch jubelndes Publikum, das sich von einer Atmosphäre anstecken ließ, die auch die DVD würdig - so gut es geht, eben - transportiert. Viele erfreulich wenig verwackelte Handkameras sind selbst bei den kompliziertesten Instrumentalparts immer dort, wo es den Blick auch live beim Konzert hinziehen würde. Klar, dass da auch mal leicht hektisch Bilder aneinander geschnitten werden. Dafür bleibt bei ruhigen Momenten die Einstellung auch längere Zeit die gleiche und Bilder werden sanft ineinander geblendet - der Schnitt passt stets zur Spannung in der Musik.
DVD Nummer 2 läuft ganze 183 Minuten lang! Schon beim Gedanken an eine solche Laufzeit stöhne ich normalerweise - doch diese Bonus-Disc erwies sich mir als ausgesprochen kurzweilig. Alleine 1:39 Stunden dauert der "Behind the Scenes"-Film von der "Sola Scriptura"-Tour, der die Band vor, während und nach den Gigs in Zoetermeer, London und Aschaffenburg (also 'meinem' Konzert!) begleitet. Zu sehen sind teils viele Minuten lange Soundchecks, bei denen Neal Morse mit den anderen noch den ein oder anderen Feinschliff vornimmt, und reichlich sonstiges Backstage-Material einer prächtig aufgelegten Truppe - hier bleibt kein Auge trocken. Wie ein roter Faden ziehen sich Stücke eines Interviews mit Neal Morse durch den Film, in denen er unter anderem über spirituelle Erfahrungen in und mit seiner Musik spricht und damit Einblicke in seine Gefühlswelten gewährt. Und man erfährt endlich etwas über diese supertalentierten jungen Musiker, mit denen er die Bühne teilt und wie es überhaupt zu dieser nicht unbedingt geplanten Zusammenarbeit kam.
Auf DVD 2 geht es weiter mit Akustikversion von "Bridge Across Forever": Neal alleine am Klavier während seiner akustischen Kirchentour. Fast anderthalb Stunden dauert schließlich der Mitschnitt von einem Teil des Gigs vom Juli 2006 in Berlin, der schon komplett auf der Doppel-CD ? live veröffentlicht wurde. Mit dabei sind u.a. alle Stücke von "?", die auf DVD 1 fehlen, außerdem Partystimmung mit der "One"-Nummer "Reunion" und ein groß(artig)es Zugabe-Medley mit einer begnadeten, extralangen Version von "Open Wide The Flood Gates" mit einem jazzigen Jam-Intermezzo und unverkrampften Blödel-Einlagen. Das macht auf zwei DVDs summa summarum rund sechs Stunden (!) Material, von dem kaum eine einzige Minute langweilig ist (!!). Neal Morse ist einfach ein Erlebnis.