In der Diskussion um die Flucht prominenter Nazi-Kriegsverbrecher wie Josef Mengele oder Adolf Eichmann ist schon viel spekuliert worden, nicht zuletzt durch Frederick Forsysths im Zusammenarbeit mit Simon Wiesenthal entstandenen Thriller "Die Akte Odessa". Darin spielt der Bestsellerautor von "Der Schakal" mit der Theorie von einer Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen, welche nach Kriegsende vielen Nazi-Größen die Flucht aus Europa ermöglicht haben soll und sich der Errichtung eines Vierten Reiches verschrieben hat. Doch "Die Wirklichkeit war komplizierter, das Netz der Fluchtwege war weit verzweigt, es gab kein straff gesteuertes System von Fluchtorganisation" stellt Univ.-Doz. Dr. Gerald Steinacher klar und verweist den Odessa-Mythos dorthin, wohin er gehört, in das Reich der nicht ganz unspannenden Fiktion.
Die komplexe Realität der Dr. Steinacher in "Nazis auf der Flucht - Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen" nachspürt ist jene, dass in den Nachkriegsjahren viele Kriegsverbrecher und prominenter Nationalsozialisten über Südtirol nach Italien entkommen konnten und dort mit neuen Identitäten, in der Masse der Flüchtlinge durch passive und aktive Hilfe diverser Hilfsstellen und Behörden nach Übersee entkommen konnten. Diese Rattenlinien, wie sie die Geheimdienste bezeichneten, waren selbigen alles andere als unbekannt und auch US-Geheimdienste hatten bei der Evakuierung von potentiellen Informanten und Wissenschaftlern ihre Hände im Spiel, etwas das in US-Archiven auch gut nachverfolgen lässt. In den Vereinigten Staaten ist der wissenschaftliche Diskurs über Geheimdienstaktivitäten in der Nachkriegszeit jedoch weit ausgeprägter und auch in Sachen Nazi-Fluchthilfe gibt es dort größeres Interesse an einer Aufklärung. Somit überrascht es nicht, dass Dr. Steinachers Buch, eines der wenigen europäischen zum Thema ist und darunter das erste, welches die besondere Rolle Südtirols einer genaueren Untersuchung unterzieht, die sich wirklich lohnt.
Da die alliierte Militärregierung in Italien bereits am 31.12.1945 aufgelöst worden war, liefen anonym reisende Nazis kaum Gefahr in eine Kontrolle zu geraten und aufgedeckt zu werden. Da das Internationale Rote Kreuz für die Vergabe von Pässen an die Flüchtlinge zuständig war, versuchte es die Verantwortung für die Identitätsprüfung an katholische Hilfswerke zu delegieren. Doch die Pontifica Commissione Assistenza hatte kaum Möglichkeit und wenig Interesse, die Angaben der Flüchtlinge erfolgreich zu prüfen, wozu auch der Direktor der Internationalen Caritas, Monisgnore Karl Bayer, der damals bei der Päpstlichen Hilfsstelle tätig war bemerkte: "Na ja, natürlich stellten wir Fragen. Aber gleichzeitig hatten wir nicht die geringste Möglichkeit, die Antworten zu überprüfen. In Rom konnte man zu der Zeit jede Art von Papieren und Informationen kaufen. Wenn uns einer erzählen wollte, er sein in Viareggio geboren - egal ob er tatsächlich in Berlin geboren war und kein einziges Wort Italienisch sprechen konnte -, brauchte er nur auf die Straße hinunterzugehen und hätte Dutzende Italiener gefunden, die bereit waren, auf einen ganzen Stapel von Bibeln zu schwören, dass er in Viareggio geboren sei - für 100 Lire."
Der Vatikan und seine Vertreter hatten in vielerlei ein begründetes Interesse daran, vor allem katholischen Nationalsozialisten und Faschisten die Flucht zu ermöglichen. Wie der österreichische Bischof Alois Hudal kritisierten zwar viele von ihnen die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, fürchteten aber auch die Möglichkeit einer kommunistischen Machtergreifung in Italien und anderen katholisch dominierten Staaten, was den politischen des ehemaligen Kirchenstaats stark unterminiert hätte. Auch diesen Zusammenhang hatte La Vista in einem vertraulichen Bericht an das State Department am 15. Mai 1947 genau erkannt: "Der Vatikan ist sicherlich die größte Einzelorganisation, die in die illegale Flüchtlingsbewegung verstrickt ist. [...] Die Rechtfertigung des Vatikans für seine Beteiligung an dieser illegalen Emigrationsbewegung ist einfach die Verteidigung und Verbreitung des Glaubens. Es ist der Wunsch des Vatikans, jeder Person, unabhängig von Nationalität oder politischer Überzeugung, zu helfen, sofern die Person nur katholisch ist. Der Vatikan rechtfertigt seine Beteiligung am Fluchtnetz mit dem Wunsch, möglichst viele europäische und lateinamerikanische Länder aller politischen Richtungen zu unterwandern, solange diese Menschen nur aufrechte Anti-Kommunisten sind und positiv zur katholischen Kirche stehen."
Als aktive Fluchthelfer hatten die Vertreter der katholischen Kirche, wie es der argenitinische Journalist Uki Goni in seinem Buch "Odessa - Die wahre Geschichte" beschreibt, womöglich die Bildung eines katholischen Blocks aus Spanien, Italien und Lateinamerika, als Bollwerk gegen den Kommunismus im Sinn. Fakt ist jedoch: "Die Kirche in Südtirol hatte wesentlichen Anteil daran, dass das Grenzland zu einer Nazi-Zuflucht avancierte. Doch diese Zusammenhänge werden offiziell verdrängt. Heute ist sogar eine Tendenz zur Heroisierung in Zusammenhang mit der Zeitgeschichte der Diözese Brixen festzustellen." Genauso wie in Argentinien im Interesse der immer noch zahlreichen Anhänger Juan Perons selbst 1996 noch möglicherweise kompromittierende Akten vernichtet wurden, welche die erste Säuberungswelle der Archive 1955 überstanden hatten. "In einer Weltgegend, in der sich die schlimmsten Judenmörder des "Dritten Reiches" ein Stelldichein gaben, hielten viele Deutsche den millionenfachen Mord für eine üble alliierte - oder jüdische - Erfindung. Das erklärt, warum so viele geflüchtete NS-Verbrecher bei ihren - manchmal sogar integren - Landsleuten Schutz und Unterschlupf fanden. Simon Wiesenthal hat Argentinien das "Kap der letzten Hoffnung" genannt und das war es in jeder Weise: Die Nazi-Verbrecher durften dort auf letzte Zuflucht hoffen und viele alteingesessene deutsche Siedler bewahrten ihr geschöntes Bild vom "Dritten Reich". Das Land, das als letzte Nation dem Dritten Reich den Krieg erklärte, war bis in die 30er-Jahre selbst Ziel einer starken Emigration aus Europa, welche kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erneut aufzuleben begann. Wie Uki Goni in seinen Recherchen jedoch herausfand, unterlag diese Zuwanderung einer speziellen Restriktion, die nach einem geheimen Runderlass (der mittlerweile freigegeben wurde) eine Visavergabe an Juden verhindern sollte.
Doch außer Argentinien waren auch die USA und der Nahe Osten beliebte Ziele flüchtiger Kriegsverbrecher, was zu einer regen Beteiligung mancher Geheimdienste an den Rattenlinien führte. Schlussendlich waren es viele Organisationen, mit unterschiedlichen Zielen und Hintermännern, die sich in der Fluchthilfe engagierten. "Die 'Odessa' und andere Verschwörungstheorien rund um geheime, zentral gesteuerte und allmächtige NS-Fluchtorganisationen haben als Erklärung ausgedient - auch wenn sie sich noch lange hartnäckig in den Köpfen vieler halten werden." Es bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch eines Tages Realität wird und man nicht mehr versucht ist diese komplexen Zusammenhänge und Verflechtungen im Sinne einer Verschwörungstheorie zu vereinfachen, die Akteure zu homogenisieren und dem ganzen mit der Erfindung einer Geheimgesellschaft, welche die Weltherrschaft und eine Widererrichtung des Deutschen Reichs anstrebt, die Krone aufzusetzen. Die wahren Motive der Justiz-Flüchtlinge und ihrer Helfer lagen zwischen reinem Selbstschutz, Kameradschaft und staatlichen Interessen, Informanten, Spione und Experten rekrutieren zu können.
Mit Nazis auf der Flucht hat Gerald Steinacher einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses bedeutenden, doch gerne vergessenen Teils der Nachkriegsgeschichte geleistet. Sein Werk beleuchtet mit reichen Quellenzitaten und Fotokopien von Original-Reisedokumenten die Rollen des Vatikans, des Roten Kreuzes, der agierenden Geheimdienste und die Bedeutung Südtirols. Der Leser ist verblüfft und schockiert zugleich, wenn er immer tiefer in den Sumpf der braunen Fluchthelfer mit ihren teils weißen Westen eingeführt wird und unweigerlich stellt sich ihm die Frage der Moral, wie man solches Handeln überhaupt vor sich selbst rechtfertigen konnte.
Fazit:
Faszinierende und zugleich belehrende Lektüre, welche die ODESSA endgültig in das Reich der Mythen verweist und einen wichtigen Beitrag zur seriösen wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fluchthilfe für Kriegsverbrecher darstellt.