Klaus Heymann und sein außergewöhnliches Independent-Label Naxos, das die Klassik-Branche nachhaltig veränderte.
Naxos Das Geheimnis des Erfolgs
Wenn man zum ersten Mal das 608 Seiten starke Buch Naxos das Geheimnis des Erfolgs zur Hand nimmt, fragt man sich schon, was das eigentlich sein soll. Immerhin zählen Unternehmens- und Unternehmerbiografien nicht unbedingt zu der Literatur, die man gemeinhin auf Bestsellerlisten wiederfindet und abends vorm Schlafengehen im Bett verschlingt.
Beim Anlesen merkte ich aber sehr schnell dass dieses Buch anders ist. Erstens: Es ist äußerst unterhaltsam geschrieben! Autor Nicolas Soames stellt die Entwicklung der heute weltweit führenden Firma für die Vermarktung klassischer Musik in einer Art und Weise dar, dass es sich zumindest im ersten Drittel liest, wie ein Wirtschaftsthriller: Kaum hat man eine Seite fertig gelesen, will man unbedingt wissen, wie es weitergeht. Dazu trägt auch die vorzügliche Übersetzung aus dem Englischen bei, die Doris Hummel besorgt hat; eine Diplom-Übersetzerin, die sonst viel für den Verlag Random House tätig ist.
Zweitens: Dieses Buch ist viel mehr als nur eine Unternehmensgeschichte oder eine Managerbiografie. Dieses Buch erzählt gewissermaßen im Vorbeilaufen die höchst interessante Geschichte der für Außenstehende zumeist sehr undurchsichtigen globalen Welt der Schallplatten- und CD-Firmen und das etwa von Mitte der 1950er-Jahre angefangen bis in die jüngste Zeit. Das dicke Buch ist so randvoll mit interessanten Informationen und Anekdoten aus der Welt der Klassik-CD-Labels mit ihren technologischen und wirtschaftlichen Umbrüchen, dass diese Schwarte eigentlich ein Muss für jeden ernstzunehmenden Musiksammler sein sollte. Hier erfährt man nicht nur etwas über die Geschichte und den Aufbau des Naxos-Labels, sondern auch viel Überraschendes über andere Unternehmen, trifft auf ungewöhnlich ausführliche Künstlerporträts und vieles andere mehr.
Klaus Heymann, Gründer und noch heute Chairman von Naxos, wird biografisch vorgestellt und viel zitiert. Dabei nimmt der Global Player Heymann kein Blatt vor den Mund und deutet keineswegs sarkastisch aber doch mit deutlichen Worten auf die Konkurrenzunternehmen, die sich angesichts des rasanten Naxos-Erfolgs ihre Wunden lecken oder gar das Zeitliche segnen mussten. Sicher läuft das hin und wieder Gefahr, in Schwarz-Weiß-Malerei abzudriften immer dann nämlich, wenn einerseits von den bösen Majorlabels erzählt wird, die die Zeichen der Zeit nie richtig zu deuten gewusst hätten und andererseits von den guten Independentlabels, bei denen der wahrhaftige Sammler und Klassik-Kenner zuhause sein soll. Doch es ist einfach auch eine Menge Wahres dran. Außerdem ist das Buch beileibe keine tumbe Abrechnung mit der Plattenindustrie sondern bietet zum größten Teil blitzgescheiten und topaktuellen Medienjournalismus.
Braucht man also dieses Buch? Szene-Insider, ernsthafte Musiksammler und eingeschworene Naxos-Fans brauchen es natürlich unbedingt, weil es so randvoll mit aufschlussreichen Informationen ist, die man nirgendwo anders sonst bekommt. Für alle anderen zählt, dass Autor Nicolas Soames einen verdammt spannenden Einblick in eine Parallelwelt gewährt. Es ist die Szene der mondänen Klassik-Pultstars und marktmächtigen Medienmogule, die so viel wird deutlich erheblich irdischer ist, als sie uns auf den roten Teppichen der großen Klassik-Tempel so gern weißmachen möchte.
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