- Plattform: Windows 2000 / 98 / Me
- Medium: Audio CD
Produktinformation
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Der Flug durch das Sonnensystem beeindruckt mit einer tollen und seidenweich animierten Grafik - meine ganze Familie saß begeistert vor dem 16:9 Notebook und ließ sich die Planeten zeigen. Man kann entweder ein Ziel auswählen "und das Programm fliegt hin" oder man versucht selbst sein Glück als interplanetarer Pilot. Dies ist allerdings gewöhnungsbedürftig: um Gas zu geben bzw. zu verzögern bewegt man die Maus vor und zurück, für Schwenks nach links oder rechts (Gierbewegung) schiebt man die Maus zur Seite und mit gedrückter rechter Maustaste steuert man die Nickbewegung. Dabei muss noch die linke Maustaste gedrückt werden. Wenn man sie loslässt, stoppt die Bewegung. Naja, man gewöhnt sich an alles...
Schade, dass eine Steuerung über die Tastatur nicht möglich ist - ich hätte das praktischer gefunden. Und auf einem Rechner ohne Maus (Notebook!) ist die Steuerung nur schlecht zu bewerkstelligen. Hier dann aber immerhin noch die programmgesteuerte Bewegung.
Neben dem freien Flug (der nach einiger Übung richtig Spaß macht!!) gibt es auch die Möglichkeit, ein Objekt zu umkreisen. Damit kann man sich die Planeten und die Flotten ihrer Monde besonders gut ansehen.
Leider fällt auf, dass die Entwickler den Schattenwurf der Himmelskörper nicht berücksichtigt haben. So fehlt der Schatten des Saturnrings auf dem Planeten und der Planetenschatten auf dem Ring. Zur Simulation von Finsternissen (oder Jupitermond-Ereignissen) ist der 3D-Atlas damit leider nicht geeignet (was ich aus didaktischen Gründen sehr begrüßt hätte).
Neben der Bewegungssteuerung kann man die Darstellung als Animation mit (diskret) einstellbarem Zeitschritt laufen lassen, was sehr interessante Einsichten in das Bewegungsverhalten der Monde ermöglicht. Das Umkreisen eines Planeten verdeutlicht auch besonders schön, das es mehrere Gruppen von Monden der äußeren Planeten gibt, die mit verschiedenen Bahnneigungen umlaufen (und teilweise sehr weit vom Mutterplaneten entfernt stehen).
Das Rendering der Planeten sieht hervorragend aus und auf einem entsprechenden Rechner macht es wirklich Spaß, so schwere- und zeitlos durchs Planetensystem zu flitzen.
Auch der Flug in die Sternenwelt bringt eine Menge interessanter Einsichten. Die Tiefe der Sternbilder (die sich sehr schnell zur Unkenntlichkeit auflösen, wenn man einige Lichtjahre darauf zufliegt) wird erfahrbar; ebenso kann man wenigstens ansatzweise den Verlauf einzelner Spiralarme erahnen, weil dort die Sternendichte höher ist.
Relativ enttäuschend fand ich den Flug um unsere Milchstraße herum: sie wird (wie auch die Galaxien im Deep Space Simulationsraum) als flache Scheibe dargestellt und es ist nicht möglich, in die Sternwolken hineinzufliegen. Selbstverständlich existieren dafür nicht genügend Daten und 10^11 Sternpositionen kann kein PC mehr rendern. Mir hätte aber gefallen, wenn man wenigstens eine zufällig verteilte Sternpopulation spendiert hätte, deren Dichte den wahren Verhältnissen in etwa entspricht. Ich hatte nach einem schönen Artikel in der Zeitschrift interstellarum (über den Aufbau der Milchstraße) nämlich die Idee, dass man doch mit einer solchen Verteilung in der Lage sein sollte, sich quasi in einen ("unseren") Spiralarm hineinzusetzen und dann zu sehen, wie sich die Milchstraße am Himmel darstellt. Die Sternwolken der Milchstraße an unserem Himmel ergeben sich ja gerade aus dem (tangentialen) Blick in die Spiralarme hinein. Schade, damit ist beim 3D-Atlas leider Fehlanzeige.
Sehr spannend fand ich aber die Möglichkeit, die großräumigen Strukturen des Kosmos zu erkunden: Galaxienhaufen und Superhaufen werden erkennbar, man kann endlich einmal "live" erleben, wie die lokale Gruppe aufgebaut ist und erlebt bei einem Flug in die richtige Richtung das Getümmel der Galaxien im Virgohaufen. Umkreist man die Milchstraße aus sehr großer Entfernung kann man erkennen, wie wenige Galaxien wir aufgrund der Extinktion in Richtung der Milchstraßenebene erkennen können. Viele Galaxien scheinen sich längs von Strahlen aufzureihen, die in Verlängerung zu unserer Milchstraße zeigen: ein Effekt der ungenauen Entfernungsbestimmung. Aber dennoch werden die Mauern und Voids im Universum anschaulich. Umkreist man die Milchstraße ganz langsam, so scheinen diese räumlichen Strukturen quasi vor dem Auge des Betrachters zu stehen! Einen solchen Eindruck vermitteln höchstens Animationen in wissenschaftlichen Fernsehbeiträgen, aber bislang konnte man diese "Erfahrung" noch nicht am heimischen PC nachvollziehen.
Neben den verschiedenen virtuellen Raumflügen bringt die CD noch eine große Menge sehr gut ausgewählter Bilder mit. Ein Lexikon mit redaktionell gut aufbereitetem Inhalt und zwanzig Minuten Video über die ESO (mit interessanten Einblicken in die Baugeschichte des Paranal, die Arbeit der Astronomen und die Funktionsweise der optischen Interferometrie) zeichnen ein spannendes Bild heutiger Profiastronomie.
Mein Fazit: wer das Geld für den 3D-Atlas ausgibt, bekommt ein Programm, das viele interessante Simulationen ermöglicht, ohne dafür zwischen mehreren Programmen umschalten zu müssen. Die Steuerung des virtuellen Raumschiffs ist gewöhnungsbedürftig und ohne Maus nicht sinnvoll zu bewerkstelligen, jedoch hat man bald den Bogen raus und dann macht es viel Spaß, durch das Planetensystem, den interstellaren Raum oder in Richtung der Galaxienhaufen abzudüsen.
Wahrscheinlich kennen viele Sternfreunde "Celestia", eine kostenlose Software mit der man virtuelle Flüge durchs All unternehmen kann. Ich kenne Celestia nicht besonders gut, halte es aber für den direkten Konkurrenten des ESO-Programms. Celestia kann mit zahlreichen Datenobjekten individuell erweitert werden (z.B. Raumfahrzeuge), was mit dem ESO-Programm so nicht möglich ist. Zur Simulation des Planetensystems ist Celestia eventuell besser, aber Deep Space (das Universum im Großen) und eine ordentliche Menge an Sternen in der Milchstraße habe ich in Celestia so noch nicht gesehen. Da hat der ESO-Atlas klar die Nase vorn.
Zur Veranschaulichung mancher Sachverhalte und für die "armchair astronomy" bringt der 3D-Atlas guten Nutzen (bzw. eine Menge Spaß ;-)), zumal weiterführende Informationen aus dem Lexikon schnell aufgerufen sind. Als "Komplettpaket" daher durchaus empfehlenswert. Jedoch werden sparsame Sternfreunde in der Lage sein, sich einen passenden Freewarecocktail zusammenzustellen, der vieles abdeckt, was der 3D-Atlas so schön integriert.
Für praktische Himmelsbeobachter bietet das Programm kaum Nutzen.
Vier Sterne, weil die Software hält, was auf der Packung versprochen wird und somit dem eigenen Ansprucj gerecht wird.
Für fünf Sterne fehlt eine durchdachtere Steuerung (Tastatur oder Mitschneiden/Wiedergabe von "Raumflügen") und die Berücksichtigung der Schatten, womit man mehr astronomische Ereignisse demonstrieren könnte (v.a. Finsternisse). Hier wäre auch schön, den stark vergrößerten Blick (wie im Teleskop) auf einen anderen Planeten von der Erde aus darstellen zu können.