Was bereits auf den ersten hundert Seiten des Fantasyromans "Nauraka - Volk der Tiefe" besonders ins Auge sticht, ist die rasante Abfolge an Ereignissen. Erenwin, den der Leser zu Beginn ständig begleitet, gerät von einem Abenteuer ins nächste; mal erlebt er Faszinierendes in dieser so fremden Unterwasserwelt, mal muss er Gefahren meistern. Bald schon hat Uschi Zietsch ihre Charaktere Dinge erleben und Orte entdecken lassen, die für ganze Romanreihen ausreichen würden. Das mag für den einen Leser actionreich und kurzweilig sein, dem anderen geht es vermutlich etwas zu schnell, denn hin und wieder leidet die Atmosphäre unter diesem zügigen Tempo, und Details kommen zu kurz.
Gut gelungen ist hingegen die Beschreibung der Nauraka und ihres Lebens unter Wasser. Dem Leser eröffnet sich eine faszinierende Welt, die anderen Fantasywelten nicht unähnlich sind, die daneben aber noch viele Kleinigkeiten bereithält, die speziell auf die Art der Nauraka abgestimmt sind, seien es Fische, die als Reittiere fungieren, Schwimmhäute zwischen Armen und Oberkörper oder zum Lebensraum passende Redewendungen in den Dialogen. Zudem kann die Charakterentwicklung überzeugen. Sind Eri und Luri zu Beginn des Romans noch verspielte und bisweilen naive Kinder, müssen beide im Verlauf der Handlung so einige Veränderungen an sich erleben - körperliche wie seelische. Denn während Eri sich unter dem Einfluss der schwarzen Perle immer mehr verändert, er erst Stimmen in seinem Kopf hört und sich dann seine Haut zu einem hässlichen Schwarz verfärbt, muss sich Luri mit dem Gefängnis ihrer Ehe und einem hartherzigen Despoten als Gemahl auseinandersetzen. Das Ganze liest sich durch den einfachen Stil recht schnell und unterhaltsam und ist sowohl für Erwachsene, die kurzweilige Fantasy mögen, als auch Kinder und Jugendliche interessant. Am Ende des Buches gibt es übrigens noch einen Anhang, in dem kurz auf die Welt Waldsee eingegangen wird, sowie ein Glossar mit Erklärungen zu Begrifflichkeiten im Text.
Wären nicht die gnadenlosen und spannenden Entwicklungen, denen Uschi Zietschs Charaktere in "Nauraka - Volk der Tiefe" unterworfen sind, der Fantasyroman würde sich kaum von ähnlichen Werken unterscheiden und in der Masse an ordentlicher, aber nicht herausragender Fantasyliteratur untergehen. So aber präsentiert die Autorin eine gut durchdachte fremde Welt mit einigen liebevollen Details. Fans der "Chroniken von Waldsee"-Trilogie werden sowieso kaum umhin können, auch "Nauraka" zu erwerben.