Wilbers relativ populär gehaltenes Buch ist ein guter Einstieg für Wilber-Neuleser. Es geht darum, wie sich Religion und Naturwissenschaft einander annähern können. Vergleichbare Bücher machen häufig entscheidende Fehler, die Wilber denn auch akribisch auflistet, daß nämlich häufig der eine Bereich dem anderen schlicht die Bedeutung oder Glaubwürdigkeit abspricht und so manches mehr. Unter dem Schlagwort des Paradigmenwechsels wird von anderen häufig eine Brechstangensynthese erzwungen, wobei sich bei näherem Hinsehen dieser Paradigmenwechsel (mit der gewöhnlich daran anschließenden freudigen Hochzeit von Wissen und Glauben) häufig, gemäß einem spanischen Sprichwort, als eine Kreuzung von Nachtigall und Frosch erweist. In diesem Zusammenhang beruft man sich gerne auf Thomas Kuhn, der den Begriff des Paradigmas in die Wissenschaft eingeführt hat und Wilber zeigt in einem glänzenden Kapitel auf, "Was Thomas Kuhn nicht gesagt hat". Im zweiten großen Teil des Buches analysiert Wilber die bisherigen Versuche der Integration und stellt im dritten Teil eine wirkliche Neuheit vor, die Beachtung finden sollte. Kurz, man wende die Methodik der Wissenschaft (im Buch ausführlich erklärt) auf die Mystik an. Immer wieder wird behauptet mystische, religiöse, spirituelle Erfahungen seien singulär und darum nicht verifizierbar. Sind sie nicht, sagt Wilber, wenn man die formale Oberflächenstruktur durchbricht (die natürlich kulturell geprägt und präformiert ist) und auf die inhaltliche, innere (nicht mit narzißtisch oder singulär zu verwechseln) Welt des reinen Erlebens schaut, wird man Stufen der Erkenntnis finden, und diese sind wie jede wissenschaftliche Erkenntnis auch interpretierbar und vergleichbar von denen, die wissen (allerdings auch nur von diesen). Wilber ist ein echter Brückenbauer und sein Vorschlag ist so einfach wie genial. Wilber macht nicht den Fehler die Gegensätze zu vereinigen, bevor er sie überhaupt getrennt hat, er sieht sehr wohl die Unterschiede zwischen blindgläubiger Religion, objektiver Wissenschaft und dem, was die meisten nicht mehr kennen (geschweige erleben), zwischen einer authentischen spirituellen Erfahrung. Naturwissenchaftler könnten hier lernen, daß man auch der Mystik wissenschaftlich (also im besten Falle einfach offen) begegnen kann und allzu vorschnelle Esos könnten lernen, daß die Geltungskriterien der wahren Esoterik, Mystik, Spiritualität bei weitem härter und schwerer sind als die der Wissenschaft und daß diejenigen die so gerne auf die Wissenschaft schimpfen und sich dann für besonders "esoterisch" halten, vielleicht erst einmal die Wissenschaft und ihre Methodik begreifen sollten. Eines möchte ich jedoch noch anmerken, um Mißverständnisse auszuräumen. Wilber versucht nicht die Wissenschaft mit der Religion zu vereinen (in dem Sinne, daß etwa die moderne Physik die heiligen Schriften beweisen würde), er wendet lediglich wissenschaftliche Kriterien auf die mystischen Erfahrungen, die man immer selber machen muß, an. Wie alle Bücher des "neuen" Wilber, ist auch dieses absolut zu empfehlen und zum Abschluß sei mir doch noch die kleine Sünde gewährt, auf die gute "Spektrum" Kritik zu diesem Buch zu verweisen, es freut mich immer, meine eigenen Vorurteile nicht bestätigt zu sehen.