Es ist ein Büchlein für naturinteressierte junge Leser, die aber schon einige Grund-Kenntnisse haben müssen, um hieraus wirklich etwas zu entnehmen. Und diese Grundkenntnisse können wohl erst ab Klasse 5 vorausgesetzt werden.
Der Stoff ist reichhaltig und lehrreich, die meisten Abbildungen, alle farbig, sind gut gemacht und auch treffend. Die Gesamtpräsentation des Stoffes scheint mir aber wenig gelungen. Die abgehandelten Themen werden durch Beispiele illustriert, das sind Untertexte mit Abbildungen, deren Anordnung oft verwirrend ist und auch viele, nicht unbedingt der kindlichen Logik entsprechende Gedankensprünge enthalten. Diese Untertexte mit Abbildungen stehen oft eng gedrängt auf einer Seite, bisweilen völlig zusammenhangs- und beziehungslos. Man spürt es, daß die Redaktion Platz sparen wollte. Der junge Leser hat dadurch jedoch seine Schwierigkeiten, die bebilderten Untertexte im Kontext mit dem jeweils abgehandelten Thema zu verstehen. Beispiel: das Thema "Stein oder Mineral". Nach der Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen Stein und Mineral folgen vier auf die Seite gequetschte Abbildungen mit Erklärungen, die den jungen Leser mehr verwirren, als sie ihm etwas vermitteln. Der liest mal hier und liest mal da - und hat die Lust bald verloren, weil er nicht erkennen kann, wo er eigentlich lesen sollte. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.
Auch mehrere fachliche Ungereimtheiten sind zu finden, die der Wissensvermittlung wenig dienlich sind. Ein Beispiel im gleichen Kapitel: "Glimmer: Alle Minerale bestehen aus Chemikalien". Was soll solch' eine unqualifizierte Aussage? Möglicherweise sind solche Unsinnigkeiten der Übersetzung geschuldet, aber dann waren wohl keine Fachübersetzer und -lektoren am Werke. Noch ein "aufregendes" Negativbeispiel, das kaum mit einem Übersetzungsfehler zu begründen ist: Wie kann man bei der Erklärung des Kristallwachstums aus einer Salzlösung (sogar mit Experiment, Seite 43) auf "baumförmige Kupferkristalle aus Australien" (also Kristalle eines Metalls) verweisen und sogar abbilden, die in diesem Zusammenhang ganz und gar nicht zu verstehen sind? Hierher gehört zur Verdeutlichung beispielsweise der allbekannte Alaun.
Ich habe das Bändchen meiner Enkeltochter, 9 Jahre, 3. Klasse, zu Weihnachten 2011 geschenkt. Sie ist naturbegeistert, sie sammelt Minerale und Steine, wie sie es mir schon frühzeitig abgesehen hat, und hat sich schon manches hübsche kleine Stück vom Taschengeld gekauft. Aber diesen "Naturführer für Kinder" (wie der Untertitel lautet), von dem ich annahm, er würde sie begeistern, hat sie sehr bald zur Seite gelegt. Dafür hatte ich dann sogar Verständnis!
Mein Fazit: Eine nicht nur "technische" Bearbeitung im o.g. Sinne täte dem Bändchen gut, selbst wenn dabei der Umfang größer würde und vielleicht auch teurer. Dennoch sei der Stab über das Bändchen nicht völlig gebrochen, Größeren könnte es schon Spaß bereiten und dazu auch noch einigen Erkenntnisgewinn bringen. Aber ganz sicherlich gibt es Besseres.