Der Band umfasst 11 Beiträge verschiedener Philosophen zur "Prozeßphilosophie" Whiteheads - wie es im Untertitel heißt. Dabei steht keineswegs bloß nur die "Prozeßphilosophie" zur Diskussion, obgleich mit diesem Schlagwort die Metaphysik Whiteheads Eingang in die Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts gefunden hat. Vielmehr ist der Band eine Versammlung von Beiträgen, die größtenteils die Aktualität des weitreichenden philosophsichen Systems von Whitehead untersuchen, denn dieser scheint nun als anfangs verkannter Philosoph - Whitehead war primär Mathematiker, der erst in fortgeschrittenen Jahren zum aktiven Philosophen wurde - zu neuer Populärität zu gelangen. Dies hängt freilich unter anderem damit zusammen, dass er einer der wenigen ernstzunehmenden Philosophen des 20. Jahrhunderts ist, die die moderne Wissenschaft in ihr metaphysischen Programm einbauen. Dabei deckt seine zunächst als Naturphilosophie begonnene Metaphysik, die er selbst als Kosmologie ("Lehre von der Ordnung der Welt") bezeichnet, ein breites Spektrum an Themen ab, die ihn dann aber zu viel weitreichenderen religions-, kultur- und sozialphilosophsichen Überlegungen führt, die zum Teil mit heutigen Theorien des beginnenden 21. Jahrhunderts konkurrenzfähig sind. Man könnte es so auffassen, dass all die positiven Aspekte der Philosophiegeschichte, die heute noch als vertretbar und relevant gelten, in Whiteheads System integriert sind, dieses aber darüber hinaus für die heutige Wissenschaftsdogmatik viel attraktiver erscheint, obwohl sein System mit theologischen Implikationen endet. Doch gerade deshalb scheint die Lektüre sehr lesenswert. Alles in allem ist der Band sehr lesenswert und informativ. Hier im einzelnen die Titel der Beiträge aufgelistet:
1) Helmut Holzhey: Das Postulat eines neuen Naturbegriffs. Zur Kritik an der aristotelsichen Naturphilosophie bei Leibniz und Whitehead
2) Michale Hampe: Sekundäre Qualitäten und die Verzweigung der Wirklichkeit
3)Hans-Christian Lucas: Whiteheads Organizismus und der Streit um interne und externe Relationen
4)Gottfried Heinemann: Zenons Pfeil und die Begründung der epochalen Zeittheorie
5) Alois Rust: Naturwissenschaft und Kosmologie bei Alfred N. Whitehead
6) Friedrich Rapp: Das Subjekt in Whiteheads kosmologischer Metaphysik
7) Maria-Sibylla Lotter: Subject-Superject: Zum Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit
8) Reiner Wiehl: Whiteheads Kant-Kritik und Kants Kritik am Panpsychismus
9) Christoph Wassermann: Mathematische Grundlagen von Whiteheads Religionsphilosophie
10) Helmut Maaßen: Gottes Beziehung zum Guten und Bösen in Whiteheads relationaler Wertethik
11) Reto L. Fetz: Whiteheads Begriff einer Religion im Werden und die Theorie der Moderne
Anmerkung: Die Beiträge 2 bis 4 stehen im Zusammenhang mit der Quantenphysik. Wo erst in den 1960er Jahren durch John Bell der Streit um interne und externe Relationen entschieden, hat Whitehead dieses schon in den 1920er Jahren vorweggenommen und zu einem fixen Bestandteil - wenn nicht sogar zu dem wichtigsten - seiner ganzen Metaphysik gemacht.