ULVER? Hat man den Namen nicht schon einmal gehört? Richtig, aber irgendwie jedes Mal in einem komplett anderen Zusammenhang. Kaum eine Band schaffte dermaßen viele Sprünge von einem musikalischen Genre in's nächste - und ob die Band mit ihrem heutigen Auftreten noch sonderlich viele Anhänger der alten Zeit hat, sei dahin gestellt. Aber diese Alben sind nicht Gegenstand des Reviews. Nach ihrem blackmetallischen, nichtsdestotrotz melodischen Erstlingslingswerk "Bergtatt" legten die Norweger mit "Kveldssanger" ein ruhiges, meditatives Stück Folk nach. "Acht Hymnen an den Wolf im Mann". So, frei übersetzt, lautet der Titel von ULVERs drittem Werke "Nattens Madrigal" von 1997, auch bekannt als "Madrigal of the Night". Bevor ich auf die einzelnen Lieder eingehe, sei gesagt: Es handelt sich um Blackmetal der alten Schule und daher wurde die Quaität der Aufnahmen von der Band bewußt niedrig gehalten, um die Stimmung des rohen, schrabbeligen Blackmetals Anfang der 90er Jahre einzufangen. Ästheten und Qualitätsverliebte brauchen an dieser Stelle also nicht weiter zu lesen, denn der Sound ist mehr als nur roh.
Die Scheibe beginnt mit "Wolf And Fear" so abschreckend wie nur irgendwie möglich für normalsterbliche Nichtmetaller-Ohren. Die erste Minute des Albums demonstriert zunächst ziemliches Geschrabbel, dafür eine Spur Melodik und man hat auch ziemlich schnell raus, dass das ganze Werk nicht so minimalistisch gehalten ist wie die Urwerke von DARKTHRONE. Überraschenderweise folgt nun ein kurzes, einminütiges, akustisches Intermezzo, woraufhin der Song in den verbleibenden vier Minuten seine wahre Seele offenbart und den geneigten Hörer mit harten Riffs und nordischer Kälte überzieht. Ein sehr stimmungsvoller Auftakt, ehe es mit "Wolf And The Devil" in den längsten, allerdings auch im direkten Vergleich schwächsten Song des Albums, geht. Dieser ist keineswegs schlecht, doch er zieht sich für meinen Geschmack eine Spur zu sehr, ohne jemals richtig auffällig zu werden. Dafür hält er die bedrückende, schwere Stimmung konsequent durch. In der Mitte des Liedes sorgt ein wenig Gitarrengefrickel für eine willkommene Abwechslung. Mit "Wolf And Hatred" gibt's dann wieder eine lupenreine, rasend schnelle Schwarzmetallnummer. Gelegentlich eingespeiste, melodische Passagen, die dem Song etwas das Tempo nehmen, fügen sich aber trotzdem hervorragend in das Klangbild ein. Hervorragende Geschrabbel. Nach Beendigung dieses Liedes beginnt nach einem knapp 30 sekündigen, atmoshärischen Intro die meines Erachtens genialste Nummer der Scheibe "Wolf And Man". Das Lied ist einfach purer Hass, anders kann man es nicht ausdrücken. Ich habe selten erlebt, dass so eine brachiale Stimmung überzeugend und problemlos volle fünf Minuten lang durchgezogen werden konnte, ohne dass es an Essenz verliert. Die Melodien in diesem Songgehören übrigens ebenfalls zur Creme de lá Creme dieses Albums. Mit einem Wort: Meisterlich.
Die Hälfte des Albums ist erreicht, aber schlapp gemacht wird absolut nicht, denn "Wolf And The Moon" steht in Sachen Geschwindigkeit den voran gegangenen Songs in nichts nach. Dieser Song ist für mich eine sehr gelungene Mischung aus den beiden Songs zuvor - die Beschaffenheit von "Wolf And Hatred" und die Melodik von "Wolf And Man" vereint als die Hymne des Wolfes, der den Mond anheult. Ganz klar ein weiterer Favorit des Albums, den man gehört haben muss. Nun beginnt etwas, womit zum jetzigen Zeitpunkt wohl kaum einer rechnen würde: Ein hochmelodisches Intro bei "Wolf And Passion". Aber keine Sorge, der Song findet bereits nach 20 Sekunden wieder zur Eiseskälte des Nordens zurück, allerdings diesmal etwas doomiger als in den vorherigen Liedern, was aber dennoch zu gefallen weiß. Im späteren Verlauf wird der Song stetig brutaler und hat am Ende wieder die Essenz der übrigen Stücke erreicht, z.T. sogar noch mit einem wesentlich wuchtigeren Schlagzeug, wovon man ja auf Grund der eher geringen Qualität bislang nicht all zu viel mitgekriegt hat. Kurz vor Ende gliedert sich dann die Anfangsmelodie ein weiteres Male in das Lied ein und rundet das Ganze ziemlich gut ab. Schöne Sache. Doch nun wird langsam das Finale des Albums eingeläutet mit dem kompromisslos-deftigen "Wolf And Destiny", welches mit einem Minimum an Lyriken, dafür einem Maximum an Geholze und Melodien, vor allem gegen Ende hin daher kommt. Im Hinblick auf den nahenden Abschlusstrack das perfekte Bindeglied zum Finale. Nicht umsonst bedeutet Destiny auch "Vorsehung". Schnell und bestimmend schlägt dann das letzte Stück "Wolf And The Night" mit einer würdigen, diabolischen Gitarrenmelodie los und berieselt den Hörer ein letztes Mal mit einem einzigartigen, klirrenden Klangteppich. Mit den abschließenden Worten "Ulven vandrer eene" (Wandering alone, The Wolf) findet dann auch dieses schwarzmetallische Epos nach einem letzten, instrumentalen Finale seinen perfekten Abschluss.
Fazit:
Ob man es glaubt oder nicht, aber man muss kein True Blackmetaller sein, um dieses Album lieben zu lernen. Ja, der Sound ist roh. Ich denke sogar, dass es nur wenige noch erbarmungslosere, grimmigere Scheiben Blackmetals gibt, aber nichtsdestotrotz ist es kein Album zum nebenher hören. Wer sich damit viel befasst, wer gerne die Emotion "Hass" in der Musik verarbeitet hören will, wer früh ebenfalls genau wie ich der Ansicht ist, dass ein Album wie dieses diesen vermeintlich schlechten Sound braucht, um zu wirken, der wird hierin vielleicht ebenfalls über kurz oder lang eines seiner liebsten Werke finden. Hart und kompromisslos, aber keineswegs unmelodisch oder monoton - auch nicht minimalistisch, denn die Jungs zeigen zu jeder Sekunde, dass sie ihre Instrumente meisterlich beherrschen. Anzuraten ist diese Scheibe prinzipiell jedem, der Musik eine Chance gibt auf sich wirken zu lassen, möge sie anfänglich noch so schwer verdaulich klingen. Zu oft habe ich inzwischen andere Reviews gelesen, deren Schreiber das Album nach einmal "nebenher" hören als schlicht und ergreifend schlecht abgetan haben. Wer ausschliesslich Musik sucht, die einfach gehalten ist und einen ohne viel Aufmerksamkeit in den Bann zieht, der muss eben bei der bewähten Kost bleiben. Ich kann aber nur sagen: Leute, ihr verpasst was!
Anspieltipps: Alles. Um aber eine Nummer besonders hervorzuheben: Wolf And Man