Die Grundidee der Autorin, besondere Stimmungen festzuhalten und neue Blickwinkel aufzugreifen,fand ich von Anfang an hervorragend. Die Einstellung, die Bilder nicht erzwingen zu wollen, wird dem Buch als Offizielles Nationalpark-Werk perfekt gerecht. Das Titelbild passt wunderbar zu dem Titel "Im Augenblick der Zeitlosigkeit". Die Farbstimmung mit dem Nebelhauch vermittelt tatsächlich den Eindruck eines besonderen Moments, der potentiell nicht lange andauertund somit bei Bannung auf einem Photo die Zeit still stehen lässt, man sich quasi an den Ort gezogen und in die wunderschöne und seltene Szenerie hineinversetzt fühlt.
Das Layout finde ich ungewöhnlich und ansprechend gleichermaßen - dafür gibt es von mir eine "1". Der leicht transparente Umschlag, dessen Aufdrucke auf dem Hardcover selbst nicht wiederaufgenommen werden, ist ein interessantes künstlerisches Element, was dem Buch eine eigene Note gibt und etwas Räumliches verleiht. Dies ist wahrscheinlich eines der wenigen Bücher, denen ohne Umschlag etwas fehlt. Dass sich dieses transparente Papier bei den Kapitelunterteilungen wiederfindet, schafft einerseits ein gewisses Gleichgewicht im Gesamtwerk - so, wie man man in einem Bild eine bestimmte Farbe mehrfach verwendet und nicht nur an einem bestimmten Fleck. Andererseits erzeugt es einen gewissen Photoalbumcharakter, wo transparentes Papier auch verwendet wird. Diese Idee finde ich klasse, unterstreicht sie doch den individuellen Charakter dieses Buches, wie ihn auch jedes Photoalbum hat. Man hat so das Gefühl, "sein" Album in den Händen zu halten.
Die inhaltliche Aufteilung gestaltet sich nach Landschaftstypen, was in sich schlüssig wirkt. Das Arrangement der Bilder finde ich wohlüberdacht und überwiegend sehr gut umgesetzt. Es wurden oftmals Bilder ähnlicher Farben und Kontraste auf einer Doppelseite untergebracht. Das schafft ein ruhiges ausgewogenes Bild, ist sehr ästhetisch und wirkt sehr angenehm. Das Format des Buches weckt die Hoffnung auf für die Landschaft typische Panoramabilder, derer leider nur sehr wenige in dem Buch auftauchen. Das finde ich sehr schade, hätte sich dies bei dem Format doch sehr angeboten.
Zurück zur Grundidee: Ein solcher Titel in Verbindung mit dem Titelbild weckt natürlich (hohe) Erwartungen. Es finden sich einige Bilder in dem Buch, die meine Erwartungen voll und ganz erfüllen und wie ich finde, dem Titel gerecht werden. Dies sind Bilder, die durch die Lichtstimmung und außergewöhnliche Situation etwas Zeitloses entwickeln. Leider sind für meinen Geschmack zu wenig Bilder dieser Art in dem Buch vertreten. Für die Umsetzung des Titels, auch in Anbetracht der geweckten Erwartungen mit dem Titelbild, muss ich daher leider eine 3+ vergeben.
Das Verhältnis der Bilder von Landschaft, Tier, Weitfeld und Closeup finde ich sehr gelungen.Selbiges gilt für das entsprechende Arrangement auf den Seiten. Die Motivwahl und Umsetzungfinde ich gerade bei den Pflanzen sehr gut. Gerade die Perspektiven zeugen hier davon,dass die Autorin ihr Handwerk versteht und das besondere Auge hat. So finden sich richtige kleine Kunstwerke in dem Buch, die auch als Großformat in einer Kunstgalerie eine sehr gute Figur abgeben würden. Hier sehe ich den Anspruch an das Besondere sehr gut umgesetzt.
Bei den Tieraufnahmen finden sich einige Beispiele, wo der Kenner weiß, wie schwierig es ist,solche Bilder zu gewinnen. Das Tier finden bzw. sehen, im richtigen Licht erwischen, und dann noch in einem besonderen Moment abzulichten - so etwas erfordert viel Zeit, Geduld - und vor allem Aufmerksamkeit. Eine Haselmaus findet man nicht mal eben so beim Nestbau, ebenso ist eine Ringdrossel nicht permanent im schönsten Licht im Wald zu erwischen. Hier merkt man, was für eine Arbeit in dem Buch steckt. Die Aufnahmen solch zufälliger Begegnungen liefern dem Buch eine besondere persönliche Note.
Allerdings komme ich nicht um ein großes Aber umhin. Auch wenn es positive Seiten hat, "Allerweltsarten" wie Gimpel und Bachstelze in solch einem Buch aufzunehmen, finde ich die Wahl dieser und auch anderer Arten fehl am Platz. Dass die Bachstelze eine eigene Sparte bekommt, mit vergleichsweise ausführlicher, regelrecht plakativer Beschreibung, finde ich gemessen an der Bedeutung dieser Art mehr als unglücklich. Hier wird wertvoller Platz in Anspruch genommen, an dessen Stelle Eigenheiten des Nationalparks treten könnten. In Zusammenhang mit dem Naturschutzgedanken fehlt mir hier die Angabe in dem Buch zu der Gefährdung einiger der abgebildeten Arten.
Die Landschaftsaufnahmen finde ich überwiegend gut. Da ich jedoch auf mehr besondere Stimmungen gehofft habe, bin ich hier etwas enttäuscht. Gerade wenn eine Autorin 5 Jahre Material sammelt und ohnehin in der Projektregion wohnt, erwarte ich mehr von solchen Bildern wie auf der Titelseite. Immerhin wartet die eine oder andere Landschaftsaufnahme mit Überraschungen wie Tierknochen im Vordergrund auf. Dies zeigt den Charakter dieser Landschaft als ursprüngliches, wildes und nicht zuletzt gefährliches Land. Also genau das, was man von einem Nationalpark erwartet. An dieser Stelle wird das Buch seinem Anspruch gerecht.
Fazit:
Insgesamt gesehen finden sich zu wenige der "zeitlosen Augenblicke" in dem Buch. Trotz durchweg guter Qualität der Bilder fehlt das Aha-Erlebnis.
Dennoch ist "Nationalpark Berchtesgaden - Im Augenblick der Zeitlosigkeit" ein Buch mit lobenswert außergewöhnlichem Ansatz und teilweise außergewöhnlich schönen Bildern, für die es sich lohnt, sein Buchregal zu erweitern. Auch wenn das Buch den geweckten Erwartungen nicht vollends gerecht wird und ihm ein Mehr an stimmungsvollen Panoramen und Landschaftsaufnahmen sehr gut getan hätte, ist das Gesamtwerk eine gelungene Arbeit.
Norman