"Das fundamentale Defizit des Nationalismus und seines Nationalstaates ist ihre Unfähigkeit, Probleme des innergesellschaftlichen und außenpoltischen Friedens befriedigend lösen zu können - zumindest besser lösen zu können als anadere Verfassungsformen und Ideensystem."
(Resümee des Autors in seinem letzten Kapitel)
Nach seinem Vorwort befasst sich der studierte Historiker und Autor des fünfbändigen Werkes "
Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Gesamtwerk: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914 - 1949: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten: Bd. 4", Hans-Ulrich Wehler (Jg. 1931), im ersten Kapitel mit den Wurzeln des Nationalismus, den er als Unikat des Okzidents definiert. Er weist darauf hin, dass die Herkunft der Nation oftmals durch einen linearen und theologischen Abstammungsmythos, Pakt oder ähnlichem aufgewertet wurde, wie z. B. bei Aenaeas oder Moses. Die Zugehörigkeit zu einem priviligierten Religions-, Herrschafts- oder Kulturverband ermöglichte eine scharf gezeichnete Ausgrenzung. Wie sich die Israeliten von den Unbeschnitteten und die Römer von den Barbaren unterschieden, konnten später die Nationsgenossen von den anderen unterschieden werden. Im Bündnis zwischen auserwählten Volk und der Gottheit, wurde letztere durch den "Weltgeist",
die "Geschichte" oder die "Vorsehung" des einzelnen Volkes ersetzt. Durch die Säkulasierung religiöser Traditionen stand der Nationalismus in enger Affinität zur Religion. Mitunter konnte er sich auch zur politischen Religion entwickeln.
Im Kapitel vier wird die "Erfindung der Nation" mit historischen Traditionen der Ethnien in Verbindung gebracht, die zusammengenommeneiner "neuen Zielutopie" dienen. Nachdem das fünfte Kapitel die sozialen Trägerschichten des Nationlismus analysiert, befasst sich das nachfolgende mit den Fragen, wie und warum die Ausbreitung des Nationalismus gelang.
Zu den Typologien des Nationalismus zeigt der Autor einmal mehr seine für eine Darstellung in Form einer gegleidert Austellung. Hierbei postuliert er vier Grundtypen oder Phasen: 1. Der "integrierende" Nationalismus (England, USA und Frankreich), der einen Nationalstaat durch eine innerstaatliche Revolution hat entstehen lassen. Der vorher bereits bestehende Herrschaftsverband (Gottesgnadentum der Monarchie) wurde auf eine neue Legitmationsbasis gestellt. 2. Der "unifizierende" Nationalismus, der in einer zweiten Phase aus staatlich getrennten Teilen einer angeblich vorgesehenen Nation, einen Nationalstaat macht. (Italien, deutschland). 3. Der "sezessionistische" Nationalismus, der zuerst 1918 mit dem Zerfall der multinationalen Imperien Österreich-Ungarns, Russlands und des Osmanischen Reiches einsetzte, und nach dem Untergang des Ostblocks und Jugoslawiens wieder aufflammte. 4. Der "Transfernationalismus", der das amerikanisch-europäische Element weltweit auf andere Ethnien, vor allem in den ehemaligen Kolonie übertragen hat. Die Umwandlung Japans mit den Meji-Reformen seit 1868 ist hier das Paradebeispiel.
Das achte Kapitel befasst sich mit den "Verlaufsgeschichten des Nationalismus". Neben Amerika setzt der Autor hierbei seinen Schwerpunkt auf die Vorgänge in Deutschland seit den Napoleonischen Befreiungskriegen. Die Einigung der "zu spät gekommene Nation" (1871) mündete vier Jahrzehnte später in die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", der mit dem NS-Staat noch eine weitaus verbrecherische Mutation des Nationalismus folgen sollte.
Die vermeitlichen Erfolge des Nationalismus, wie der Durchbruch der zur Industriellen Revolution, seine Konstituierung als Verfassungs- und Rechtsstaat usw. sind Gegenstand des neunten Kapitels. Wirschaftswachstum,, Wohlstandssteigerung, Verfassungsstaatlichkeit, Rechtssicherheit, Daseinsvorsorge und Konflikteinhegung fallen historisch gesehen rein zufällig in die Epoche der Nationalstaaten, an die sie jedoch keineswegs mit einer inneren Notwendigkeit gebunden waren.
Die erdrückende Mehrheit aller Nationalstaaten ist aus Kriegen hervorgegangen. Die friedliche Enstehung ist geradezu eine Rarität. Abschließend stellt der Autor die Frage nach dem Ende des Nationalismus, an dessen Stelle ein dauerhafter Friede und eine neue Programatik tritt. Hierbei setzt Wehler auf die neuere Nationalismusforschung, die den Nationalismus prinzipiell kritsich in Frage stellt. Mit seinem Verlust an sozialintegrativer und politiklegitimierender Kraft, hat die Dämmerung des Nationalismus allmählich bereits eingesetzt...
Für einen tieferen Einstieg in die Thematik gibt es noch eine kommentiere Bibliographie, den Abschluss des Bandes bildet ein Personenregister. 5 Amazonsterne für einen gut strukturierten historischen Überblick.