Nationalhymnen stehen ja nicht ganz zu Unrecht im Ruf, nationale Be- und Empfindlichkeiten unbeabsichtigt aufzudecken. Vor allem aber stehen sie im Ruf, Staatsbesuchen und Fußballspielen einen gewissen pompösen Rahmen zu ermöglichen. Genauer anschauen tut man sie sich aus gutem Grund eher selten, denn um musikalische oder literarische Meisterstücke handelt es sich hier beileibe nicht immer...
Es gibt aber noch einen Grund, sich Nationalhymnen genauer anzuschauen: Nackt, ohne ihren rituellen Kontext, finden sich hier nämlich Perlen der unfreiwilligen Hochkomik, und man entdeckt Skurriles, Erstaunliches und Bedenkliches.
Wenn man, wie im hier besprochenen Buch, gleich 80 Hymnen präsentiert bekommt, jeweils die erste Strophe in Originaltext und deutscher Übersetzung, mit Noten und kurzen Anmerkungen zu Verfassern und ggf. historischem Hintergrund, dann kann man nicht nur ernsthafte Studien betreiben, sondern auch schonmal seinem Bedürfnis nach Schabernack nachgeben, und zwar hemmungslos.
Da wäre zunächst mal das formal Bemerkenswerte, querbeet:
Dass man sich in Bosnien-Herzegowina auf keinen Text einigen konnte und deswegen eine wortlose Hymne bevorzugt, ist durchaus nachvollziehbar. Aber auch Spanien verfügt über keinen offiziellen Hymnentext... In anderen Ländern wird der Text der Nationalhymne gleich in sämtlichen Landessprachen angeboten; die findigen Schweizer mit ihren vier offiziellen Landessprachen z.B. haben es geschafft, in jeder dieser Sprachen einen Hymnentext zusammenzubringen. Da dürfte doch keiner mehr eine Ausrede haben, warum er den Text nicht kann... Zum Teil gibt es in dieser Hinsicht abenteuerliche Konstruktionen; Kanadier beispielsweise können ihre Hymne wahlweise auch in einer gemischtsprachigen Version singen; d a s würd ich nämlich gern mal hören, wie sich dieser gesungene Zungenbrecher so anhört: "Chantos tous la gloire d'une riche histoire, Our home 'neath northern skies". Noch vertrackter, noch polyglotter geht's in Südafrika zu, wo vier Textteile in je einer Landessprache zu bewältigen sind: Xhosa, Sesotho, Afrikaans und Englisch. Vergleichsweise harmlos sind da manche Monarchien (z.B. Norwegen, Thailand, Luxemburg), wo National- und Königshymne besser nicht verwechselt werden sollten. Aber auch mit einer einzigen einsprachigen Hymne kann man seine Staatsbürger in Verzweiflung stürzen, indem man ihnen, wie in Griechenland, eine Hymne mit 158 Strophen aufs Auge drückt. Tröstlich zu lesen, dass "meist nur die beiden ersten gesungen werden". Was das "meist" wohl bedeuten mag?
Auch in bezug auf die Herkunft der Hymnen findet man manchmal erstaunliches: Oft wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben (Wer saß wohl in der Jury?) oder beauftragte einen vertrauenswürdigen Künstler, manchmal verpasste man Volks- oder Partisanenliedern einen neuen Text, und manchmal auch nicht; aus der Marseillaise beispielsweise trieft das Blut nur so aus allen Notenlinien. Tschechen und Österreicher haben sich Operettenmelodien auserkoren, was das Klischee vom k.u.k.-Charme sicher bestätigt. Und manchmal waren veritable Dichter zugange; Indien trumpft gar mit einem Nobelpreisträger auf -- allerdings dürfte Tagore den Literatur-Nobelpreis nicht für dieses Werk erhalten haben. Und sogar der Vatikan hat eine Nationalhymne -- jetzt fehlt nur noch die zugehörige Fußballmannschaft...
Schon die äußere Form lässt also auf bemerkenswerte Texte hoffen, und man wird nicht enttäuscht. Für das Gros der Hymnen gilt: Wer sich nicht martialisch gibt (z.B. Frankreich, Mexiko, Portugal), huldigt der trefflichen heimischen Natur (z.B. Litauen, Luxemburg, Slowakei, Syrien). Aber allein schon diese Dichotomie erlaubt bemerkenswerte individuelle Ausgestaltungen, wie man gleich sehen wird.
Man erfährt Tröstliches; denn "noch ist Polen nicht verloren". In Tschechien hingegen ist man ratlos: "Wo ist mein Heim, mein Vaterland?" Anderswo ist der Erkenntnisgewinn beträchtlich: "Thailand ist die Verkörperung allen Blutes und Fleisches der thailändischen Rasse." Gut geschlafen hat man in der Slowakei, bevor es über der Tatra blitzte, und auch in Italien, wo man sich nun nach dem Aufwachen den Helm des Scipio aufs Haupt gebunden hat.
Nicht nur in Brasilien tendiert man zur Mystik: "Von den stillen Ufern des Ipiranga hörten sie / Den Schrei eines heroischen Volkes widerhallen, / Und im gleichen Augenblick leuchtete mit / Blitzenden Strahlen die Sonne der Freiheit".
Bedenklich oft gibt man sich kriegerisch: Dass man sich im Sudan als Heer Gottes bezeichnet und in Serbien Stürmen und Gefahren von allen Seiten zu trotzen gedenkt, mag noch weniger erstaunen. Aber auch die Iren intonieren inbrünstig Flintenschusspfiff und der Kanonen Gebrüll, die aber freilich beide gegen irischen Soldatengesang keine Chance haben. Und die mexikanische Hymne überzeugt obendrein mit sogar für Hymnen-Verhältnisse gewagten Metaphern: Da umwindet schonmal ein Erzengel (heilig ist er auch noch!) die Schläfen des Vaterlands mit einem Ölzweig, und wenn das Vaterland viele Söhne gezeugt hat (das würd' ich gern illustriert sehen!), sendet Gottes Gnade auch (eine unbekannte Anzahl) Soldaten.
Anderswo, etwa in Monaco, gibt man sich sparsam und bevorzugt solide, haltbare Ware: "Seit jeher flattert die gleiche Flagge". Von den reichen Leuten kann man eben das Sparen lernen -- q.e.d. In manchen Ländern, wo man das garnicht erwartet hätte, scheint die Gesamtsituation bedenklich: Dem Schweizer wird qua Hymne geraten, schonmal zu beten. Auch unerwartete Outings erlebt man: "Wilhelm von Nassau / Bin ich, von deutschem Blut", singt der Niederländer vorm Länderspiel gegen Deutschland...
Und zum Abschluss noch was Erfreuliches: In der Großherzoglichen Hymne von Luxemburg (nicht zu verwechseln mit der naturverbundenen Nationalhymne) erhält die Ballade von den zwei Königskindern, die zusammen nicht kommen konnten, endlich das erbauliche Happy End. Wenn das nix ist...