Mirjam Pressler hat ein besonderes Talent Ihren Figuren Leben einzuhauchen und eine spannende, fesselnde Geschichte zu schreiben, die tief unter die Haut geht.
Es ist ein fadenscheiniger Waffenstillstand, den Richard Löwenherz mit Sultan Saladin um die Befreiung Jerusalems geschlossen hat. So unwirklich, dass er von den Christen gebrochen wird. Eine Schar Tempelritter versucht das unmögliche und rennt nahezu in den Tod; denn der Sultan hat den Hinterhalt vorausgesehen. So geschieht es, dass er jeden einzelnen von ihnen köpfen lässt, alle bis auf einen. Curd von Stauffen kann sich an der Mildtätigkeit des Sultans nicht erfreuen, warum hat er gerade ihn verschont? Doch eine gute Tat zieht eine weitere nach sich und so kommt es, dass der Tempelritter die Tochter des jüdischen Kaufmanns Nathan aus dem tödlichen Feuer rettet. Die anfängliche Abneigung des Christen gegen den Juden wandelt sich schon bald in echte Freundschaft, denn Nathan wird nicht umsonst vom Volk "der Weise" genannt. Doch dann kommt der Tag an dem Nathan zum Sultan Saladin gerufen wird. Auf die Frage nach der wahren Religion antwortet Nathan wie es von einem Weisen nicht anders zu erwarten gewesen wäre, und gewinnt damit sogar die Freundschaft des Sultans. So kommt es das Nathan zwar viele Freunde in Jerusalem hat, jedoch auch Neider und es gibt Menschen, die Juden einfach hassen ...
Lessings "Nathan der Weise" ist heute eine Pflichtlektüre in der Schule, doch kaum einer kann wohl von sich behaupten, das Werk mit Freude gelesen zu haben, zu trocken, zu theoretisch kommt das Theaterstück daher. Mirjam Pressler hat es sich mit diesem Roman zur Aufgabe gemacht, den Klassiker neu zu erzählen, wie sie uns in der Nachbemerkung mitteilt. Und das ist ihr bestens gelungen!
Die Autorin schafft es, dass man sich selbst in Jerusalem glaubt, man spürt die Hitze und die Sonne fast auf der eigenen Haut. Dabei beschreibt sie die Umgebung und die Eigentümtlichkeit, die von dieser Stadt ausgeht, so eindringlich, dass uns dieses Buch regelrecht gefangen nimmt.
In jedem Kapitel erzählt eine andere Figur das Geschehen aus seiner Sicht, was für die richtige Abwechslung sorgt und den Leser so mit allen Figuren vertraut macht. Es gibt kaum einen Charakter den man nicht mögen würde. Mirjam Pressler schafft es eine gewisse Intimität zu den Figuren aufzubauen; es scheint als würden diese dem Leser ihr Innerstes preisgeben. Die Protagonisten erscheinen einem dabei so nah und sympathisch, dass man sie schon bald Freunde nennt.
In dieser farbenfrohen Geschichte, die den Leser mit ihren Menschen, Düften und Farben sofort gefangennimmt, erzählt die Autorin uns die Geschichte vom Gleichnis der drei Ringe neu. Ihr gelingt es eine Stadt aufleben zu lassen, in der Menschen der drei großen Religionen mehr oder weniger friedlich miteinander leben und schafft damit einen Roman, der seine Leser - Jugendliche wie Erwachsene - zum Nachdenken bringt. Da ist die Hoffnung von der friedlichen Koexistenz der Religionen, die nicht nur Nathan in sich trägt.
"Nathan und seine Kinder" ist eine außergewöhnlich farbenfrohe, lebendige Geschichte, die ihre Leser nicht so schnell loslässt. Die Autorin erzählt in einer bildgewaltigen Sprache und jongliert gekonnt mit Worten. Es scheint als hätte sie jeden Satz, jedes Wort wohl überlegt. Für den Leser bedeutet das einen beeindruckenden Lesespaß.
Fazit: Eine eindringliche und zu Herzen gehende Geschichte, die lebendig und farbenfroh erzählt, den Leser zum Nachdenken bringt. Fantastisch!