Das ist nur eine der unvermittelten wie unbeholfenen Liebesbekundungen des Schweden Marcus (mit verhaltener Selbstironie grandios gespielt von Francois Damiens), nach dem ihn Nathalie (Tautou) aus unerfindlichen Gründen im Büro küsst und ihn in ein Gefühlschaos stürzen lässt.
David Foenkinos hat, gemeinsam mit Bruder Stéphane, aus seinem Bestseller einen Film gemacht und stellt damit sicher, dass Augenzwinkern, Drama und Romantik sich die Waage halten und der Charme der Vorlage erhalten bleibt.
Die Geschichte ist schnell erzählt, Mädchen liebt Jungen, heiratet diesen, verliert ihn aber durch einen tragischen Unfall, trauert und vergräbt sich in ihrer Arbeit, trifft auf einen anderen Jungen, der, anders als der Erstgeliebte, unscheinbar, eigenwillig und in den Augen der Kollegen und Freunde so gar nicht zu ihr zu passen scheint... soweit das Auge dies entscheiden kann.
Das Sehenswerte an der Geschichte ist der leise Humor, der straffe Aufbau der Erzählung, die klaren Charaktere und die wendig eingebaute, stimmungsvolle Musik von Emilie Simon (siehe CD "Franky Knight"), die einzelnen Passagen den nötigen Schmelz und die Kraft verleiht.
Die Besetzung ist famos gewählt. Damiens, der mir besonders in "Der Auftragslover" gefiel, spielt den Un-Typ eines Liebhabers so vielschichtig und verhalten, dass es manchmal schmerzt, so sehr leide ich mit ihm mit, wenn er Nathalie sagt, es sei lächerlich sie zu lieben (während der Eiffelturm neben ihr glitzert) und er staksig in der Nacht entschwindet.
Bruno Todeschini, als Nathalies Chef, der sich in sie verliebt und von ihr abgewiesen wird, beweist auf beeindruckende Weise seine Vielseitigkeit. Häufig als starker Charakter besetzt, wie z.B. in Patrice Chéreaus Drama "Sein Bruder", für das er mit dem César nominiert war, spielt er hier gegen dieses Image an und überzeugt als vermeintlich gebrochener und verzweifelter Mann, der erkennen muss, dass er gegen Marcus' Humor und Feingefühl nicht anzukommen vermag (sehr witzig die Szene, in der er Marcus zu sich ins Büro bittet, um herauszufinden, was Nathalie an diesem findet...).
Großartig nicht minder besetzt sind die weiteren Rollen: Audrey Fleurot (bekannt als Magalie in "Intouchables/Ziemlich beste Freunde"), die völlig überzeichnet, in hautengen Kleidern und viel zu stark geschminkt, Charles' Sekretärin darstellt. Mélanie Bernier (als Nathalies Assistentin) und Joséphine de Meaux (als Nathalies beste Freundin Chloé), die mit dezenten und pointierten Gesten zeigen, wie gute Schauspieler herausragende Charakterdarstellungen erschaffen.
Eine Entdeckung ist Pio Marmaï (als Nathalies Ehemann François), der in Filmen wie "C'est la vie - So sind wir, so ist das Leben" ("Le premier jour du reste de ta vie") oder "Un heureux événement" (der im Oktober 2012 in die deutschen Kinos kommt) bereits überzeugen konnte, und mit seiner enormen Präsenz, auch wenn seine Rolle als François bereits nach 20 Minuten des Filmes ausgehaucht ist, besticht, die ihm hoffentlich eine große Zukunft im französischen Kino verschafft.
Audrey Tautou als Nathalie ist süß und nachdenklich, großäugig und glaubwürdig, dennoch wünsche ich ihr weiterhin eine gute Auswahl an differenzierten Rollen, entsprechend auch Regisseure, die willig sind, Tautous Potenzial auszuschöpfen.
"La délicatesse" (so der Originaltitel) ist stimmungsvoll, originell, charmant, nachdenklich, witzig, ein Seelenstreichler.
Es ist diese nonchalante Art Film, wie sie in ihrer leichtverdaulichen Zuckrigkeit und der atmosphärisch dichten Wehmut nur das französische Kino hervorbringt. Ein Film, der Dir au passant den Kopf verdreht, Dir ein Lächeln ins Gemüt ebenso wie eine Träne in die Augen zaubert und Dich einwickelt wie eine große Flauschdecke, aus der Du Dich gar nicht mehr herausschälen möchtest.
Es lohnt sich, den Film im Original zu sehen (allein der Szene mit Marcus' schwedischen Eltern wegen).
Bonus: ca. 62 Min. incl. Outtakes, entfallener Szenen, Making Of, Interview mit Audrey Tautou