Das Cover veranlasst selbsternannte Heldenforscher wie mich automatisch zum Kauf. Und das ist gut so. Denn dieses Führungsbuch unterscheidet sich deutlich von den meisten Publikationen zu diesem Thema. Der Autor gehört nicht zum Heer der Coaches, die ihre Werbebroschüren als wissenschaftliche Arbeiten verkaufen, eigene Unzulänglichkeiten durch Belehrung anderer verdrängen oder überdecken wollen oder ganz einfach dem Bedürfnis erliegen, der Welt zu sagen, wo's lang geht. Gerhard Dammann ist in erster Linie Arzt, Psychiater und Psychotherapeut. Daher hält er sich mit vorschnellen Diagnosen zurück und kann ohne Gefährdung seiner Reputation die Frage aufwerfen, ob es denn überhaupt bestimmte Persönlichkeitseigenschaften gibt, die erfolgreiches Führungsverhalten gewährleisten. Glückerweise verfällt der Autor aber auch nicht der Beliebigkeit eines systemischen Ansatzes, der so schwammig ist, dass sich alles mit allem verbindet, alles möglich und unmöglich sein kann, alles nur eine Frage der Optik ist. Dammann bezieht klar Stellung, wenn er zur Ansicht kommt, die empirischen Befunde würden eine Richtungsangabe erlauben.
Bei so viel Fachwissen ist es erstaunlich, wie verständlich und locker der Autor eigene Beobachtungen und wissenschaftliche Studien vorträgt. Um den Lesefluss nicht unnötig zu verlangsamen oder die Einbettung der Gedanken zu erleichtern, sind Kenntnisse des psychologischen Vokabulars allerdings von Vorteil. Aber wie sehr sich der Autor um Verständlichkeit bemüht, zeigen auch das verwendete Bildmaterial, die ganze Gestaltung und der gut nachvollziehbare Aufbau. Dieses Buch gehört klar zu den seltenen Exemplaren, die wissenschaftliche Erkenntnisse so vermitteln, dass deren Aufnahme Spass macht.
Gerhard Dammann sagt gleich zu Beginn seiner Ausführungen, worum es geht. Wer im Management tätig ist, steht zwischen dem Dienst an der Sache und Selbstberauschung. Um zwischen diesen beiden Polen ein Gleichgewicht zu finden, genügt es nicht, ein Buch zu lesen, an wohl klingenden Seminaren teilzunehmen oder am Morgen etwas länger in den Spiegel zu schauen. Es genügt auch nicht, sich irgendeinem Coach an die Brust zu werfen. Es braucht, wie Dammann im zweiten Kapitel anschaulich erklärt, eine neue Sicht auf die Führungspersönlichkeit, einen Ansatz, der auf Weiterentwicklungen von Theorien beruht, die in anderen Büchern noch immer als der letzte Schrei verkauft werden. Im dritten Kapitel geht der Autor dann auf die Frage ein, was ein Narzisst ist. Fundierter und kompakter als die 24 Seiten von Gerhard Dammann kann eine Antwort kaum sein. Als eine Art Vertiefung kann das nächste Kapitel "Narzisstische Manager" betrachtet werden. Überaus spannend fand ich dann die Fortsetzung, überschrieben mit "Soziale Macht, Machiavellismus und Narzissmus". Wie erhellend das Konzept ist, sich bei allen Themenbereichen auf wissenschaftliche Untersuchungen zu berufen, zeigt sich im sechsten Kapitel "Psychopathen in den Führungsetagen". Statt von der Bühne der Alleswisser das Publikum moralisch zu belehren und mit Idealbildern zu erschrecken, zeigt Gerhard Dammann psychologische Mechanismen auf, denen man sich aufgrund der eigenen Lebensgeschichte und speziellen Umfelder kaum entziehen kann. Und weil die Dynamiken einer Gruppe immer eine wichtige Rolle spielen, ist auch dieser Thematik ein Kapitel gewidmet. Nach den kurzen und prägnanten Ausführungen zum Pflichtthema "Emotionale Intelligenz und Führung" folgt der eigentliche Praxisteil. Hier erhält der Leser Antworten auf die drängenden Fragen, wie man Narzissten im Management erkennen und wie man mit ihnen umgehen kann. Allein diese zwanzig Seiten müsste man zur Pflichtlektüre für alle Coaches erklären. Die "Grundlagen der psychodynamisch-orientierten Organisationsberatung" liefert Gerhard Dammann im zehnten Kapitel nach, um dann noch auf empirische Studien einzugehen, das Wichtigste zusammenzufassen und besonders Neugierige mit Anmerkungen, Verzeichnissen der Abbildungen und der wichtigsten Literatur zu beliefern,
Mein Fazit: Nach der Lektüre dieses Buches ist mir noch klarer geworden, weshalb mir die meisten Bücher zum Thema Führung auf den Geist gehen. Wer als Coach wahrnehmbare und dauerhafte Wirkung erzielen will, muss ausser einem gesunden Menschenverstand und einer halbwegs stabilen Persönlichkeit auch über ein psychologisches Wissen verfügen, das sich nicht einfach in Abendkursen oder einigen besinnlichen Lesestunden erwerben lässt. Mit dieser Meinung will ich der Akadamisierung des Coachings nicht noch weiter Vorschub leisten. Aber wer narzisstischen Führungskräften mit einem allzu schmalen Bildungsrucksack gegenübersitzt, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit einfach zum Komplizen eines Ablasshandels, der inzwischen System hat und letztlich wenig bewirkt.