Bei einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung ist das Bedürfnis nach Bewunderung und Anerkennung übermäßig. Narzißtische Menschen hungern nach der vorbehaltlosen Liebe, die ihnen in der frühen Kindheit versagt war. Doch sie können nicht satt werden, da sie mit falschen Mitteln veruschen, diese Zuneigung zu gewinnen. Im Grimmschen Märchen "Der Eisenofen" spiegeln sich zwei typische Formen der narzißtischen Störung: Der in einen kalten Eisneofen verwünschte Prinz steht für die häufig männlichen Betroffenen, die zum Schutz vor übermäßiger Verletzlichkeit, innerer Wut und heftigem Neid ihre Gefühle abgespalten haben und berechnend und rücksichtslos nach äußerer Anerkennung streben. Die Prinzessin, die sich im Wald verirrt hat und einen Retter braucht, steht für den "weiblichen" Narzißmus. Solche Frauen haben ihr Einfühlungsvermögen hoch entwickelt, um stets den anderen gerecht zu werden. Durch Selbstaufgabe und Verzicht auf eigene Bedürfnisse hoffen sie, die ersehnte Leibe zu gewinnen. Wie Schloß und Schlüssel passen die beiden zusammen, und nicht nur im Märchen werden sie oft ein Paar und müssen in einem schmerzhaften Prozeß ihr wahres, verletztes Selbst kennenlernen, um zu reifen Persönlichkeiten zu werden. Heinz-Peter Röhr vermittelt anhand des im Märchen dargestellten Erlösungsweges von Prinz und Prinzessin sehr anschaulich das notwendige Wissen über Entstehung, Verlauf und Heilungsmöglichkeiten dieses außerordentlich verbreiteten psychischen Leidens.

