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4.0 von 5 Sternen
"Nieder mit der Schwerkraft, es lebe der Leichtsinn!", 9. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Narratorium (Gebundene Ausgabe)
"Es gibt mehr Narren als Weise, und im Weisen selbst steckt mehr Narrheit als Weisheit." (Nicolas Sébastien Roch de Chamfort)
Was ist ein "Narratorium"? Ulrich Holbein hat eines geschrieben. Auf über 1000 engbedruckten, großformatigen Seiten bietet er eine "kleine" Narrenkunde für Anfänger. "Die Welt wimmelt von Normalnarren und Extremnarren", beginnt der Autor sein Werk, "und zwar jede Welt. Hinzu kommen Scheiche, Spinner und Schelme, und nicht zuletzt Oberspinner und - viele andere Sorten und Typen. Öffnest du eine Tür, kommen 333 herein!" Zwar nicht 333, sondern "nur" 255 Porträts von Amazonen, Freaks, Clowns, Gurus, Wracks, Ikonen, Musen und Zickzackdenkern sind es insgesamt, die Holbein in seinem Kompendium versammelt.
Der Autor gehört wohl selbst ein bisschen zu ihnen. 1953 in Erfurt geboren, lebt er eremitenhaft im nordhessischen Knüllgebirge und spinnt allem Anschein nach auch ein wenig. Zumindest nennt er sich nach eigenem Bekunden Wolkenkuckuck und Zu-Spät-Romantiker. Und ein bisschen sieht er auch danach aus.
Der studierte Theo- und Biologe, der auch schon als freier Maler und als Hilfspfleger arbeitete, ist seit Ende der 1977 ausschließlich Autor. Das "Narratorium" ist übrigens die 888. Veröffentlichung Holbeins, sein 22. Buch und die 11 ist die Zahl der Narren. Zufall oder gezielte Publikation?
Ob das Buch nun wirklich für Anfänger geeignet scheint, das mag bezweifelt werden, denn sämtliche Artikel offenbaren eine verrätselte und fantasievolle Sprache, von der kulturgeschichtlichen Wissensüberhäufung ganz zu schweigen. Viele Verweise und Anspielungen erschweren die Lesbarkeit zusätzlich. Aber über allem liegt ein Schuss feiner Ironie und wie es Holbein schafft, mit ein, zwei (manchmal auch drei oder vier) Pinselstrichen den jeweiligen Narren herauszukehren, ist schon beinahe genialistisch zu nennen.
Alphabetisch geordnet treffen dadurch Personen zusammen, die sich im realen Leben niemals begegnet sind und nicht im Entferntesten etwas gemein haben. So rahmen der "Wortschaum-Prophet" Ernst Bloch und der eher unbekannte "Quellgrundmystiker und Drauflostheosoph" Jakob Böhme den prominenten "Musik- und Kohlemacher, Erfolgskanone, Frauenheld, Schlager-Millionär und Pop-Titan" Dieter Bohlen ein. Oder aber Osama bin Laden wird von der Sagengestalt des Orpheus und dem Sexguru und Erleuchtungsbuddha Osho flankiert. Fiktive Gestalten reihen sich an bekannte und unbekannte Personen der Zeitgeschichte.
Die Artikel enthalten neben den Lebensdaten der "Narren", jede Menge Zitate, Zeitungsausschnitte, Anekdoten und Überlieferungen von anderen. Zahlreiche farbige Fotos sowie Collagen und Illustrationen vom Autor höchstpersönlich lockern die nicht ganz leicht zu lesende Kost auf. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, das Werk in Einzelhäppchen zu genießen. Wie bei jedem Lexikon ist eine durchgängige Lektüre von A bis Z nicht empfehlenswert und auch gar nicht möglich. Die immense Wissensfülle des Autors würde den Leser schier erschlagen.
Fazit:
"Narratorium" ist ein ausgefallenes, skurilles, groteskes, kluges, amüsantes, respektloses, "abgefahrenes" und etwas verschrobenes Buch über "Halb-, Schein- und wirklich Heilige", über mystische, spirituelle oder göttliche Narren, seien es nun Päpste, Massenmörder und andere Irre.
"Aber warum sehn die alle so glücklich aus?", fragt Holbein sich im Vorwort selbst. Seine Antwort: "Weil sie rosarote Brillen aufhaben, Flöhe im Ohr, Rosinen im Kopf und verblüffend wenig Tassen im Schrank. Sie strampeln sich aus Zwangsjacken frei. Diese glühenden Augen! Wofür demonstrieren die alle?"
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19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein wirklich "aberwitziges Kompendium der weltlichen und geistlichen Narretei", 10. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Narratorium (Gebundene Ausgabe)
Der zurückgezogen im nordhessischen Knüllgebirge lebende Schriftsteller Ulrich Holbein ist schon seit langem den Lesern der ZEIT, der FAZ und der Süddeutschen Zeitung als ganz außergewöhnlicher Autor bekannt. Mehrfach ausgezeichnet hat er insgesamt 900 Publikationen aufzuweisen, davon 21 in Buchform und darf getrost zu den Vielschreibern im Land zählen.
Der ganz große Wurf ist ihm nie gelungen, man hat den Eindruck, als ob er das auch gar nicht wolle. Er passt sich keiner Mode an, schwimmt in der Regel gegen den Mainstream und liebt das eher Abseitige und Vergessene. Er versteht sich selbst als ein Suchender, als ein Avatar, wie er vielleicht selbst sagen würde.
Im vorliegenden Buch hat er insgesamt 255 Menschen porträtiert, von Herbert Achternbusch bis Zhuangzi, einem chinesischen Dao-Mystiker aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Dabei interessieren ihn weniger die glatten Lebensläufe und große Übersichten über das Werk und seine Interpretation, sondern er sucht das bisher nicht erwähnte, sammelt kuriose und skurrile Begebenheiten aus dem Leben des Betreffenden, zitiert bekannte und unbekannte Aussprüche von ihm und von anderen über ihn.
Entstanden ist so ein wirklich "aberwitziges Kompendium der weltlichen und geistlichen Narretei" mit vielen bekannten und einigen eher unbekannten lebenden oder historischen Persönlichkeiten, die er oft in einem Licht schildert, das bisher noch nicht auf sie geworfen wurde. Dass er sich dabei nicht unparteiisch verhält, sondern dass seine anarchische Haltung und seine eigene Neigung zur Narretei immer wieder durchscheint in den durchweg amüsant zu lesenden Texten, ist verständlich. Dennoch wird insbesondere seine Beschreibung von Personen aus der Kirchengeschichte Widerspruch hervorrufen, so zum Beispiel die von Franz von Assisi und von Kardinal Ratzinger.
Aber genau das hat Holbein intendiert, als er insbesondere für Liebhaber seltsamer Enzyklopädien diese raffiniert wissensstrotzende "Summa" der Torheiten und Genialitäten der Geistes- und Weltgeschichte, sicher in jahrelanger harter Arbeit geschrieben hat.
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23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
In kleinen Portionen genießbar, 20. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Narratorium (Gebundene Ausgabe)
NarratoriumEin solches Buch war schon lange fällig. Als ich im Radio eine Rezension darüber hörte, wollte ich es unbedingt haben. Auch ist mir der Autor schon von einem anderen Buch her bekannt, für das er sehr gründlich recherchiert hat. Also ein weiteres Argument für den Kauf des Narratoriums. Nun, die Sammlung von Lebensgeschichten ist wirklich interessant, kurios, eine gelungene Mischung. Der Stil ist Geschmackssache. Ein paar Artikel in der Art - das mag amüsant sein. Aber diese geballte Ladung von Satzkonstruktionen und Wortgebilden, die unbedingt originell sein möchten, ist ermüdend. In kleinen Portionen ist das Buch jedoch durchaus genießbar. Ich würde trotzdem etwas mehr Sachlichkeit bevorzugen.
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