Lange wurde auf den Abschluss der -Qatsi Trilogie gewartet. Die Erwartungshaltungen sind dementsprechend groß. Auf den ersten Blick erscheint Naqoyqatsi als der symphonischste Soundtrack im gesamten Schaffen von Glass. Soundtrack ist meiner Ansicht nach auch der falsche Begriff für dieses Werk, dass vielmehr den Titel Symphonie verdient. Die Kernstücke von Naqoyqatsi sind acht längere Sätze, von denen kaum einer unter 7 Minuten dauert. Dies resultiert in einer perfekten Basis zum Erzählen des Filmes durch die Musik. Musikalische Ideen und Stilmittel können nicht nur angedeutet werden, sondern auch in wunderschönen Melodie- und Rhythmusentwicklungen perfekt auskomponiert und -gepielt werden. Für mich besonders beeindruckend waren die Sätze „Massman" und „Point Blank", die durch kompositorische Überraschungen und Wendungen glänzen. Zwischen den längeren Sätzen gibt 3 kleinere Sätze, die wohl teils als Überleitung oder in einem Fall als Abschluss des Werkes fungieren. Reminiszenzen an die Vorgänger-Soundtracks gibt es nur vereinzelt. Wie immer wird das -Qatsi-Wort mantraartig von einer Bassstimme im ersten Satz gesungen. Im späteren Verlauf des Werkes tauchen vereinzelt musikalische Facetten auf, die zurück nach Powaaqatsi weisen, diese sind jedoch nur hintergründig in den einzelnen Sätzen wahrzunehmen, jedoch machen sie durch die kompositorische Integration in den „Minimalismus" von Glass das Hörerlebnis deutlich vielschichtiger. Naqoyqatsi steht somit als völlig eigenständiges Werk in der Trilogie da. Nach mehrmaligem Hören wird sehr deutlich, dass Naqoyqatsi den Weg zum „Concert Cinema" eindeutig perfektioniert hat. Dies hat auch viel damit zu tun, wie Glass die Stimme von Yo-Yo Ma's Cello kompositorisch eingebunden hat. Das Cellospiel von Ma ist als Stimme der alten Natur eingesetzt, die gegen die Technisierung im Krieg steht. Bei manchen Cellopassagen kann man sich durchaus vorstellen, wie diese von einem Chor gesungen werden könnten, hier fühlt man sich manchmal stimmungsmäßig an Glass' großartige 5. Symphonie erinnert. Dennoch transportiert das Cello als Stimme ohne Worte in diesem Konflikt die Botschaft besser, als dies ein geschriebenes Wort je könnte. Und das ist wahrlich sicherlich der beeindruckendste Aspekt dieses Werkes. Aus dieser Warte kann es von mir nur die Höchstnote geben.
Ich persönlich hoffe, dass dieses Werk auch konzertante Aufführungen von Symphonieorchestern erfahren wird. Für Deutschland wäre Dirigent Steven Sloane mit den Bochumer Symphonikern geradezu eine perfekte Wahl, zumal Sloane auch Dirigent des American Composers Orchestra ist.