Darüber, dass es den Historikern schwer fallen würde, ihn ganz aus der Geschichte verschwinden zu lassen, war sich Napoleon bereits am Ende seines Lebens im Klaren. Das er darin Recht behalten hat, beweist heute auch der Berg von geschätzten 80.000 Publikation die seine Person zum Thema haben. Einem an
der Person des korsischen Eroberers Interessierten steht also ausreichend Material zur Verfügung, seinen Wissensdurst zu stillen. Angesichts dieser ganze Bibliotheken füllenden Menge von Büchern und der Tatsache, dass die Zusammenhänge um Napoleon und die wesentlich von ihm geprägte Epoche der
europäischen Geschichte jedem historisch Interessierten sowieso mehr oder weniger geläufig sind, stellt sich wohl bei jeder Neuerscheinung zu diesem Thema wieder die Frage: Braucht die Welt dieses Buch nun auch noch? Wo selbst Untersuchungen zu einzelnen speziellen Aspekten seiner Zeit kaum noch wirklich
Neues anzubieten haben, erschließt sich der Sinn einer x-ten Erzählung seines Lebens nur schwer.
Lässt man sich jedoch auf das voluminöse Produkt aus dem C.H.Beck-Verlag ein, vergisst man diese Fragen bereits nach ein paar Seiten. Bereitwillig folgt man dem Autor Johannes Willms auf seiner rasanten Fahrt durch Napoleons Leben. In kurzen pointierten Schritten folgt er seinem" Napoleon von Korsika über die Kriegsschauplätze in Italien und Ägypten, auf denen der junge General der Revolution das Fundament für seine Karriere im Heimatland legt. Begleitet ihn durch die Wirren seiner Machtergreifung und auf den nicht enden wollenden
Kriegszügen durch Europa, auf denen sein Held" das Gesicht des Kontinents nach seinem Gusto zu ändern suchte. Er folgt dem vermeintlich vom Schicksal Getriebenen in sein erstes Exil und bei seiner kurzen Rückkehr auf die politische Weltbühne, um ihm dann dabei zu beobachten wie er auf St. Helena an
der eigenen Legende strickt, wohl ahnend, dass sich Generationen von Autoren an seiner Person abarbeiten werden. Willms gelingt es dabei, aus einer Unmenge von Quellen einen anschaulichen und fesselnden Erzählstrom herauszudestillieren.
Leider stellt er dabei der von Napoleon initiierten Verklärung seiner Person lediglich ausgesuchte Briefquellen und Erinnerungen entgegen, ohne sich jedoch je die Frage nach deren Zuverlässigkeit zu stellen. Diesen Mangel an Quellenkritik versucht er auszugleichen indem er die Person und deren Handeln
selbst ständig kritisiert. Kaum eine Leistung lässt Wilms seinem" Napoleon durchgehen. Politisches Geschick und militärisches Talent werden ihm so oft abgesprochen, dass man sich bereits zur Hälfte des Buches fragt wie der kleine Korse" seine Zeit so nachhaltig prägen konnte. Ein zweiter Wermutstropfen ist
die Eindimensionalität des Buches. So wunderbar süffig man dieses Buch am Stück weglesen kann, stellt sich doch einige Male das Gefühl ein, dass man über bestimmte (heute durch die Forschung hinreichend erschlossene) Themenbereiche
am Rande gern noch mehr erfahren hätte. Willms beschränkt sich jedoch zugunsten des Leseflusses weitestgehend auf die militärischen und politischen Großtaten seines Helden.
Wer sich ernsthaft mit Geschichte und besonders der des französischen Imperators auseinandersetzen will, muss weiter auf die vielen anderen (modernen) Werke vor allem französischer Historiker zurückgreifen (oder sich doch besser gleich zu
den heute weitestgehend erschlossenen Quellen begeben). Der historisch Interessierte jedoch, der sich ohne Magisterabschluss und Kenntnissen in Quellenkritik und Theoriediskussion einfach nur über die Person Napoleons informieren will ohne sich dabei zu langweilen, sollte ohne Zögern zu diesem Buch greifen.
Denn nach der Lektüre dieses Wälzers kann man abschließend zufrieden feststellen: Willms erzählt uns hier nichts Neues, dass aber auf sehr unterhaltsame Weise.