Im Ganzen gab es 37 Nationalpolitische Erziehungsanstalten (offizielle Abkürzung: NPEA; umgangssprachlich: Napola), davon waren zwei für Mädchen. Aus den 1933 bis 1942 eingerichteten Schulen stammten 1,5% der Abiturienten. Die staatlichen Internate sollten für den Nationalsozialismus den [...] geeigneten Nachwuchs für Führungspositionen in den zivilen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung, in den freien Berufen und für das Militär [...] stellen. Christian Schneider, Cordelia Stillke und Bernd Leineweber zeichnen in ihrem Buch das Leben in der Napola auf sehr anschauliche Weise nach. Anhand zahlreicher Interviews mit ehemaligen Napola-Schülern und deren Angehörigen gewähren sie einen Einblick in das persönliche Empfinden der Napola-Zeit in der Retrospektive der interviewten Personen und das Fortwirken dieser dort erfahrenen Erziehung nach 1945. In einem Fall sogar lassen die AutorInnen VertreterInnen dreier Generationen zu Wort kommen und zeigen eine transgenerationelle Weitergabe von Schuld und Schuldgefühlen auf.
Alles in allem ein ehrgeiziges Vorhaben, was allerdings an vielen Punkten scheiterte und scheitern musste. Drei Punkte sollen hierfür genügen, um diese Kritik zu verdeutlichen:
Erstens: Anhand des Konzeptes der Derealisierung von den Mitscherlichs, konzipieren die AutorInnen im Kontext der Napola das der Irrealisierung. Eine Derealisierung sei den Napola-Schülern nicht möglich gewesen, da sie sonst einen Teil ihrer Geschichte hätten ausblenden müssen. In ihrer präadoleszenten Entwicklung eingefroren, hätten sie lediglich irrealisieren können. Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Die Irrealisierung entfalten die AutorInnen anhand des normalen Pubertätsverlaufs, zu dem das Träumen, das Irrelaisieren, das Schaffen eines Traumraumes, gehöre. Das Irrealisierung kann dann aber nicht die Abwehrform der Napola-Schüler sein, wenn sie doch keine normale Pubertät durchlaufen haben. Ihr Konzept der Irrealisierung ist somit nicht tragfähig.
Zweitens: Die AutorInnen geben an, Streitigkeiten in ihrem Team ausgefochten zu haben, weil die Empathie im Gespräch mit einem ehemaligen Napola-Schüler nicht zulässig gewesen sei. Symptomatisch dabei ist, dass die AutorInnen alle der zweiten Generation, also der Nachfolgegeneration der NS-Tätergeneration angehören und somit eine spezifische Gefühlslast mit in die Untersuchung einbringen. Diese war ihnen von Anfang an bewusst und daher wählten sie als Korrektiv die Supervision. Leider waren auch die Supervisoren Angehörige ihrer Generation. Die Schwierigkeit, der Spaltung Väter-Täter zu entgehen, gelang den AutorInnen leider nicht, was den Streit bezüglich der Einfühlung in den ehemaligen Napola-Schüler aufzeigt. Mit einem latenten Schuldvorwurf in die Befragung zu gehen, trübt und färbt nun mal nicht nur die Ergebnisse.
Drittens: Innerhalb der Motivstudie der Familie Teschner (als einziges Fallbeispiel in diesem Buch für die intergenerative Weitergabe von Gefühlen über die drei Generationen hinweg) wollen die AutorInnen ein spezifisches Gefühlserbe nachzeichnen, das auf die Napola-Zeit zurückzuführen ist. Natürlich ist es verlockend, dass so etwas möglich ist, doch ist es eine reduzierte, eingleisige Sicht auf den familiären Verlauf. Die Pubertät als Dreh- und Angelpunkt, zeigen die AutorInnen, dass Robert Teschner (ehem. Napola-Schüler) sich als gewaltfreies Opfer darstellt und über seine Kinder, die den väterlich postulierten Pazifismus als Prinzip aufgenommen hätten, sich diese Haltung im Enkelkind Sebastian als tatsächliches Opfer von Gewalt manifestiert. Sowohl die Kindheit Robert Teschners, wie auch den Einfluss seiner Frau auf die Kinder, wie auch das väterliche Einwirken auf den Enkel Sebastian werden ausgeblendet. Was bleibt ist, dass die zweite Generation frei ist von jeglicher Schuld, da sie lediglich eine Katalysatorfunktion innehat. Inwieweit sich die AutorInnen selbst freimachen von eigenen Schuldgefühlen ihren Kindern gegenüber, muss als Frage gestattet sein.
Den AutorInnen kommt das Verdienst zu, sich diesem Thema gestellt zu haben, und zwar in einer Art und Weise, in der dies zuvor noch nicht geschehen ist. Methodisch und theoretisch lückenhaft, aber zumindest nicht handwerlich, sondern der eigenen Gefühlserbschaft geschuldet, bekommt man einen Einblick in die emotionale Verstrickung von Wissenschaft und Gegenstand, die anregend wirkt. Dieses Buch ist alles in allem sehr lesenswert und wirft interessante Fragen auf, die es noch zu erforschen gilt.