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In den Büchern von Haruki Murakami geht es zu wie in den Filmen von Eric Rohmer. Schöne Menschen plaudern in angenehmer Umgebung ununterbrochen über Leben, Sex, Liebe und Tod und haben dabei keine Mühe, die richtigen Worte zu finden. Dabei halten sie sich alle für etwas ganz Besonderes.
Nur der Protagonist Watanabe glaubt, er sei ein Durchschnittsmensch mit Durchschnittsintellekt und Durchschnittskörper und merkt gar nicht, welche abstrusen Charaktere er um sich versammelt. Zum Beispiel Nagasawa, eine Art japanischer Casanova, der Nacht für Nacht losziehen muss, um Mädchen aufzureißen, während die schönste Frau zu Hause auf ihn wartet. Oder seine Kommilitonin Midori, die beide Eltern bis zum Krebstod pflegte und die sich nun nackt vor das Foto ihres Vaters setzt, um ihm zu zeigen, dass sie inzwischen eine Frau geworden ist. Midori würde sich nichts lieber wünschen, als dass Watanabe beim Onanieren an sie denke.
Die schöne Naoko dagegen hat andere Probleme. Freiwillig eingeschlossen in eine Nervenklinik versucht sie, den frühen Tod ihres Freundes Kizuki loszuwerden. Beide sind zusammen aufgewachsen und haben alles gemeinsam gelebt. Es war nie eine Frage gewesen, mit einem anderen Menschen zu leben. Doch plötzlich hatte sich Kizuki umgebracht, und sie war übrig geblieben. Wie einen Staffelstab gibt sie ihr Schicksal an Watanabe weiter, der Naoko liebt und den sie dennoch auf dieselbe Art verlassen wird, wie sie es einst wurde.
Der Leser merkt bei allem sehr schnell, dass zwischen der Entscheidung, beim Onanieren an jemanden zu denken und miteinander das Leben zu verbringen, kein großer Unterschied besteht. Dass es immer nur darum geht, dass man sich in der Welt versichert und jemanden findet, der einem die eigene Existenz abnimmt.
Haruki Murakami, der in Japan Millionenauflagen verkauft, schreibt darüber ein leichtes und gleichzeitig trauriges Buch, todernst und mit einem guten Schuss klugen Kitsches. Aber das hätte man eigentlich nicht anders erwartet. --Jana Hensel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Haruki Murakami macht's noch einmal
Der Japaner Haruki Murakami, der sich im letzten Jahr mit dem schlecht aus dem Amerikanischen übersetzten Buch «Gefährliche Geliebte» in deutschsprachigen Landen den Leumund des literarischen Libertins erwarb, legt nun mit «Naokos Lächeln» einen weiteren Roman im Kielwasser falscher Erwartungen vor; die sentimentale Suada aus pubertärem Weltschmerz und japanischem Frühlingserwachen kokettiert mit dem Erotik-Label wie sein Erzähler mit den grossen Namen der Weltliteratur; gewagt ist allenfalls der Hang zur Banalität. Dass der Held sich beispielsweise zu der weltbewegenden Einsicht hinreissen lässt, dass «der Tod nicht das Gegenteil des Lebens verkörpert, sondern ein Bestandteil desselben ist», mag man noch seiner Jugend zuschreiben. Wenn der Ich-Erzähler freilich im Rückblick Sentenzen von sich gibt wie «Ich konnte zwar meinen Triebstau abreagieren und will auch nicht leugnen, dass es mir Spass machte, die Mädchen überall zu befummeln, aber der Morgen danach war mir stets ein Greuel», darf man den letztes Jahr genährten Verdacht, Murakami sei ein Opfer schlampiger Sekundärübersetzung, wohl getrost beiseite wischen; auch die Direktübertragung von Ursula Gräfe bietet eine offenbar nicht ganz untypische Mischung aus Sexualhandbuch und Dr. Sommers Sprechstunde. Der Kultstatus, den der Autor nicht nur in Japan geniesst, wird durch diese jüngste Veröffentlichung, die mit dem Untertitel «nur eine Liebesgeschichte» Bescheidenheit suggeriert, jedenfalls nicht plausibler.
Eine Liebesgeschichte ist «Naokos Lächeln» schon allein deshalb nicht, weil sich der melancholische Held im Schatten junger Mädchenblüte zu irgendeinem Affekt erst gar nicht aufraffen kann; die einzige Emotion, der der Erzähler ausgiebig nachgibt, ist eine todessüchtig aufgedonnerte Nostalgie. Im Flugzeug durch eine Instrumentalversion von «Norwegian Wood» (wie das Buch im Original bzw. Amerikanischen nach einem Beatles-Song heisst) in seine Studentenzeit katapultiert, erzählt uns der 37-jährige Toru von der verlorenen Zeit der Jugendrevolte, als er mit Thomas Manns «Zauberberg» im Gepäck dem Aufbruch snobistisch trotzend, die erste Erfahrung mit Eros und Thanatos machte eine womöglich spezifisch japanische Allianz aus Sex und Selbstmordgefahr, die den Erzähler über die Pubertät hinaus jedenfalls nachhaltig fasziniert. Allerdings ist der durch die Kabinenlautsprecher initiierte Erinnerungsschub eine leicht durchschaubare dramaturgische Finte legt man Weltanschauung und Wortschatz zugrunde, hat der Ich-Erzähler die Fünfzehn nie überschritten. Denn «alles wird leichter, wenn man sich entspannt», und «das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen».
Die Pralinen, die der Erzähler sich aus der Erinnerungsschachtel klaubt, heissen Naoko, Reiko, Midori; sie führen den sexuellen Novizen nach allen Klischees des «Playboy»-Designs in die Freuden der Hochglanzerotik ein. Tatsächlich bedient sich der Text der gängigen Topoi der pornographischen Literatur, ohne doch selbst im mindesten pornographisch zu sein. Murakami gibt seine Bubenträume «das Diagramm der 48 Stellungen» gerne aus Frauenmund preis, darüber hinaus entblösst der Schlüssellochblick in japanische Mädchenzimmer die verführte Unschuld im Weichzeichner à la David Hamilton: makellose Mädchenkörper im Mondlicht und Marken-BH. «Naokos Lächeln» möchte ein Bildungsroman in der Tradition Salingers sein, eine Erziehung des Herzens zur sexuellen Reife nach dem Muster einer spätmodern ausstaffierten Erbauungsliteratur, und ist doch bloss eine romantisch verquaste Sommernachtsphantasie; nicht zufällig holt der Held an prägnanter Stelle Hermann Hesses Jugendbuch «Unterm Rad» aus dem Schrank.
Das Buch geizt nicht mit dem, was im «Quartett» gerne «Stellen» genannt wird, doch kann Murakamis Pralinen-Erotik nicht verhehlen, dass das einzig Skandalöse an diesem Buch seine ganz und gar unerotische Sprache ist. Erklärtermassen hatte der Autor die Absicht, eine Liebesgeschichte von der genialen Einfachheit eines Beatles-Songs zu verfassen. Es hat freilich nur zu einer Instrumentalversion für die Kaufhauskabine gereicht. Mit diesem Buch outet sich Murakami einmal mehr als der Richard Clayderman der japanischen Literatur.
Andrea Köhler -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Obwohl Klappentext und inhaltliche Darstellungen zu der Vermutung Anlass geben, dass sich die Geschichte um eine typische Dreiecksbeziehung dreht, ist dem absolut nicht der Fall. Die Frage, für welche der beiden Frauen sich der Protagonist entscheiden wird, kommt im Grunde nie wirklich auf. Vielmehr erlebt man hier voneinander getrennt verlaufende Liebesgeschichten.
Murakami versucht auch nicht irgendeinen Spannungsbogen aufzubauen, welcher dann in einem dramatischen Moment seinen Höhepunkt erreicht. Nein, er sorgt von Anfang an für Klarheit.
Der Reiz des Romans ist nicht so leicht zu erfassen. Er manifestiert sich auf sehr subtile Weise. Zum Beispiel in den vielen skurilen Einzelheiten oder der alles überlagernden melancholischen Atmosphäre. Denn es ist kein Roman der Leidenschaft und Freude, sondern eher der Zärtlichkeit und Ruhe.
Im Gegensatz zu vielen anderen Stimmen bin ich aber schon der Meinung, dass es sich hier nur um eine Liebesgeschichte handelt, der Untertitel also absolut zutrifft. Natürlich gehen mit einer Liebesgeschichte immer viele unterschiedliche Aspekte einher, aber wäre das anders bräuchte man sie ja nicht erzählen. Der Roman besitzt nämlich im Gegensatz zu anderen Werken Murakamis keine Elemente eines Thriller- oder Gruselromans und auch Gesellschaftskritik (u.a. kritisiert er beispielsweise Rückgradlose Studentenrevolten) wird ganz anders als sonst nur selten geübt. "Naokos Lächeln" verzichtet auch auf die surrealen Elemente, die für Murakami so typisch sind.
Ansonsten aber in jeder Hinsicht ein typischer Murakami: Im Mittelpunkt steht ein männlicher Ich-Erzähler, mit dem sich der Leser identifizieren kann oder zumindest mitfühlen kann (wobei mich hier interessieren würde wie das Frauen empfinden). Er ist eher ein Aussenseiter der Gesellschaft, freundlich aber verschlossen, mit Einzelgänger-Tendenzen und mehr der gute Zuhörer, als der Redner. Wie immer mit ausgeprägtem Sexualleben, wobei er hier selten selbst die Fäden zieht.
Daneben steht der Protagonist wie immer in Beziehung zu mehreren Frauen (ob nun in Partnerschaft oder Freundschaft). Frauen in Murakamis Büchern sind im Gegensatz zum Erzähler nie das was man normal nennt. Immer haben sie etwas Geheimnisvolles und/oder Extravagantes an sich und sind außerdem natürlich hübsch und sexy, denn Erotik und Romantik sind elementar in seinen Romanen. Dabei pflegt Murakami eine offensive bis aggresive Angehensweise zum Thema Sexualität und befürwortet Offenheit in diesem Zusammenhang. Zudem hat man das Gefühl, dass Murakami von Monogamie nicht viel hält.
Wie immer spielen auch Musik und andere zeitgenössische Themen eine nicht geringe Rolle. Also für Nostalgie (wenn man genügend Jahre auf dem Buckel hat) ist gesorgt.
Für mich zieht der Roman genau an der richtigen Stelle den Schlussstrich, wobei ein kleiner Wehmutstropfen bei mir verbleibt. Es wird weder ein Kreis geschlossen, noch erwartet den Leser am Ende eine große Offenbarung.
Aber auf jeden Fall bekommt der Leser eine wunderbar melancholische Liebesgeschichte geboten, die ans Herz geht.
Zum Schluss eine Anmerkung zum deutschen Verlag btb: Auf die Rückseite eines Buches gehören nur Kommentare, die mit dem Roman zu tun haben. Es ist lächerlich auf allen Büchern Murakamis genau dieselben Zitate zu bringen, obwohl diese sich auf andere Werke Murakamis beziehen.
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