EINLEITUNG
Vor dem ersten Kinobesuch war ich ziemlich besorgt; ich erwartete beinahe enttäuscht zu werden. Da wird zum allerersten Mal ein Roman meines zeitgenössischen Lieblingsschriftstellers verfilmt, und das noch dazu von einem meiner liebsten Regisseure, von Tran Anh Hung ' der in den 90ern drei großartige, preisgekrönte Filme gemacht hat, doch daraufhin zehn Jahre lang gar nichts*. Andererseits war er einer der ganz wenigen, denen ich eine gelungene Verfilmung von Norwegian Wood (so der schlüssigere Originaltitel des Romans) überhaupt zugetraut habe.
Letzen Endes jedoch wurden meine hohen Erwartungen sogar noch übertroffen, und nach einem zweiten Kinobesuch war ich dann vollends der Meinung, es hier mit einem der besten Filme zu tun zu haben, die ich je gesehen habe! Zum einen übertrifft sich Tran Anh Hung hier selbst: Nach meiner Meinung ist Naokos Lächeln noch besser als sein "At the Height of Summer" (aka. The Vertical Ray of the Sun) aus dem Jahre 2000, der bereits seit langem zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehörte.
Zum anderen handelt es sich um eine nahezu perfekte Verfilmung von Murakamis (nach meiner Meinung besten) Roman. Mit "nahezu perfekt" meine ich, dass der Film selbst ' für sich betrachtet ' kaum besser hätte ausfallen können. Dabei ist das Resultat durchaus ein ganz anderes als das, welches ich im Vorfeld vor meinem inneren Auge hatte. Das ist allerdings nicht schlimm, ganz im Gegenteil. Die Verfilmung bot mir, der das Buch seit Jahren sehr gut kannte, einen nochmals ganz neuen, anderen Blick auf das Geschehen. Etwa war es mir bis dahin ganz entgangen, dass es sich im Kern um eine Variante des alten griechischen Mythos um Orpheus und Eurydike handelt; wovon ausgehend ich auch den Roman noch einmal mit ganz anderen Augen las.
ZUR ADAPTION
Im direkten Vergleich zum Roman kann man den Film wohl etwas differenzierter sehen, schließlich hat jeder Leser eines Buches sein eigenen Vorstellungen und sein ganz persönliches Verständnis vom Inhalt und den Charakteren, und gerade bei einem solch tiefgehenden, anspruchsvollen Werk ist Tran Anh Hungs Verfilmung nur _eine_ Interpretation unter vielen möglichen. Einige Aspekte (zB die sozialkritischen) werden ausgespart, und andere (etwa Watanabes Beziehung zu Kizuki) sogar noch um zusätzliche Szenen erweitert, oder Inhalte des Buches auf interessante Weise "remixed": Ich denke da insbesondere an eine phänomenale Szene, in der Watanabe und Naoko am früheren Morgen durch die Felder laufen, eine Szene, die wohl _das_ Highlight des Films ist ' aber im Buch in dieser Form überhaupt nicht vorkommt; es handelt sich vielmehr um eine hochgradig geniale Kombination zweier Szenen, die im Buch an ganz verschiedenen Stellen stehen.
Im Großen und Ganzen wurde die Handlung des Buches zwar nicht grundlegend verändert, aber häufig ganz neu arrangiert ' was ich aber als absolut positiv empfinde und oft gerade das ist, was den Film so interessant macht. Wer absolute Werktreue möchte, der soll halt das Buch lesen (das gilt für Verfilmungen generell). Es ist nun einmal nicht möglich, einen solchen Roman 1:1 in einen Film zu übertragen ' ja, es wäre nicht wünschenswert, es würde ein schwerlich genießbarer Film entstehen. Doch der Regisseur und alle beteiligen waren weise genug das zu wissen, und ohnehin kann man Tran Anh Hung gerade für das Drehbuch ein besonderes Lob aussprechen. In Anbetracht der Komplexität der Vorlage, hat er bemerkenswert "viel" des Buchinhalts auch in den Film bringen können. Er hat natürlich gewisse Aspekte auslassen müssen, hat dafür aber andere sehr schön betont und ihnen eine eigene Note gegeben.
Eine Sache, der ich mir zugegebenermaßen nicht sicher bin, das ist die Wirkung des Films auf Zuschauer, die den Roman _nicht_ kennen. Persönlich habe ich so meine Zweifel, ob ich den Film ohne Kenntnis der Romanvorlage womöglich kaum (oder aber ganz anders) verstanden hätte. Deutlich wird das wohl an der Figur der Reiko, und ihrer Beziehung zu Watanabe. Jene ist zwar nur eine Nebenrolle, jedoch im Roman ein hochkomplexer Charakter. Natürlich war es dem ohnehin schon ziemlich langen Film kaum möglich, auch ihre Hintergrundgeschichte angemessen zu schildern ' womöglich führt das aber dazu, dass für Zuschauer, die ihren Hintergrund nicht schon aus dem Buch kennen, insbesondere die Schlussphase des Films etwas seltsam und gezwungen anmutet.
Und ohnehin ist die Film als Adaption eben _nicht ganz_ ohne Schwächen: Ich möchte nicht ins Detail gehen, da dieses die Handlung vorwegnähme (und vielleicht auch nur ich diesen Eindruck habe), doch gibt es einen Aspekt, der im Film sehr seltsam, unschön rüberkommt (es stellt sich dann die Frage, ob das ein wirklicher Schwachpunkt des Films ist, oder aber Tran Anh Hung das Buch tatsächlich _so_ interpretiert hat ' wogegen aber spricht, dass im Buch ziemlich explizit das Gegenteil dessen ausgesagt wird, was der Film implizit zu suggerieren scheint). Das klingt jetzt vielleicht etwas kryptisch, aber wie gesagt: ich möchte nicht spoilern.
Auch eine gewisse dramatische Handlung seitens Midori (erneut will ich hier der Handlung nicht vorgreifen) geschieht im Buch _so_ nicht ' und ich bin mir selbst nicht sicher, ob jene Filmszene entweder eine sehr interessante Interpretation ihres Charakters, oder aber nicht hundertprozentig nachvollziehbar ist... Vermutlich beides.
ZUM FILM
All das ist aber Kritik auf allerhöchstem Niveau. Betrachtet man den Film an sich und verzichtet auf einen allzu engen Vergleich zum Roman, so gibt es nicht viel zu kritisieren, dafür umso mehr zu loben:
Da sind zum einen die wunderbaren, jungen Darsteller. Rinko Kikuchi (einst oscarnominiert für Babel) spielt die schwierige Rolle der Naoko mit Bravour und Glaubwürdigkeit, aber auch Kenichi Matsuyama liefert eine exzellente Performance als Watanabe (wobei der Charakter des Watanabe im Film nach meiner Auffassung sehr verschieden ist von dem im Roman, d.h. womöglich weniger komplex, und vielleicht etwas zu uneingeschränkt "nett" und selbstlos).
Die Rolle der Midori war vermutlich etwas weniger anspruchsvoll, wird von Kiko Mizuhara, die in Naokos Lächeln ihr Filmdebüt gibt, aber auf sehr sympathische Weise verkörpert**.
Ähnliches Lob verdienen die Nebendarsteller, wobei unter denen Tetsuji Tamayama in der Rolle des Nagasawa noch einmal mit besonderer Präsenz hervorsticht und trotz seiner eher wenigen Szenen fest in Erinnerung bleibt. Von Sturmbannführer hätte ich gern etwas mehr gesehen, doch vermutlich wäre das der Grundstimmung des Films entgegen gelaufen.
Für die Kamera zeichnet sich Mark Ping Bing Lee verantwortlich. Dieser hat bereits bei Tran Anh Hungs 2000er Film die Kamera geführt (und zitiert sich gelegentlich selbst) und ist auch sonst kein Unbekannter: etwa hat er nach einer Weile den großen Christopher Doyle in Wong-Kar Weis "In the Mood for Love" ersetzt.
In jedem Fall ist die Kameraführung ' in Kombination mit der Beleuchtung und dem Schnitt (letzterer von Mario Battistel, ebenfalls an den letzten beiden Filmen von Tran Anh Hung beteiligt gewesen) ' eines _der_ absoluten Highlights des Films. Auch Mark Lee war vermutlich nie besser als in Naokos Lächeln und darf jetzt als einer der besten Kameramänner unserer Zeit gelten. Jede Einstellung ist kunstvoll gewählt, ohne unnatürlich zu wirken, wobei insbesondere das Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung fasziniert: Die Kamera ist selten statisch; oft umkreist sie die Charakter oder folgt ihnen nach, doch geschieht dies ruhig und ohne Hektik, einen sanft Sog erzeugend.
Besondere Erwähnung soll hier die erste Bettszene erfahren, die mit ihrer extremen Nahaufnahme, dem spröden Licht und dem weitgehenden Verzicht auf Make-up eine unheimliche Körperlichkeit erzeugt, die damit in starkem Kontrast zu den zumeist sanften Bildern im Rest des Films steht, und für die sich wohl gerade im asiatischen Kino wenig Vergleichbares finden lässt. Hier kommt es dem Film sicherlich zu Gute, dass mit Tran Anh Hung ein Kenner des französischen (europäischen) Films am Werk war, und eben kein japanischer Regisseur.
Noch beeindruckender sind da nur einige ultra-lange und dennoch bewegte Einstellungen, die vollkommen ohne Schnitte auskommen und das gesamte Können von insbesondere den Schauspielern deutlich werden lassen. Der schon erwähnte morgendliche Spaziergang / die Unterhaltung von Watanabe und Naoko gehört für mich zu den besten Einzelszenen, die ich je in _irgendeinem_ Film gesehen habe und sicher nie vergessen werde.
In diesem Fall trägt dazu auch die Musik dazu bei: Musik spielt seit jeher eine wichtige Rolle in Murakamis Romanen und ist auch für die Wirkung des Films von großer Wichtigkeit: Da gibt es zum einen die mitreißenden, hochdramatischen Kompositionen des Radiohead-Mitglieds Johnny Greenwood, mit denen auch die eben erwähnte Szene schließt, sowie einige Oldies von beispielsweise mehrmals Can. Eine der lässigsten Szenen des Films ist mit "She Brings the Rain" unterlegt und zeigt auch Mark Lee und Editor Mario Battistel noch einmal von einer ganz anderen Seite: Bei warmen Farben und flotten, aber sanften, rhythmisch die Musik begleitenden Schnitten, fühlt man sich für einen Moment ganz an Wong Kar-Wei erinnert (der für eine Murakami-Verfilmung ansonsten aber eher ungeeignet sein dürfte)...
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