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4.0 von 5 Sternen
Nanotechnologie ist keine Vision mehr - erfrischender Überblick über Nano in der Architektur, 2. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Nanomaterialien (Taschenbuch)
Das Buch ist erfrischend anders. Hier schreibt kein Hochschulprofessor über technologische Visionen oder Experimente im Labormaßstab; auch kein Journalist, der - je nach couleur - aufklären oder warnen will.
Hier schreibt jemand aus der Praxis. Jemand, der in Bezug auf die konkrete Anwendung den Unterschied zwischen "könnte" und "kann" kennt. Ein Punkt, an dem viele andere Darstellungen zur Nanotechnologie unklar bleiben.
Frau Leydecker ist Innenarchitektin und weiß, was ihre Kollegen wissen wollen. Jeder, der selbst mal mit einer universitären High-tech-Entwicklung auf einer Messe stand, kennt die K.O.-Frage der potenziellen Kunden: "Kann ich es kaufen?".
Die Beantwortung mit "bald" oder "in fünf Jahren" ist für den Planer inakzeptabel. Frau Leydecker zeigt daher v. a. erfolgreich umgesetzte Projekte. Fast könnte man es ein Kompendium der Anwendungen der chemischen Nanotechnologie im Architekturbereich nennen.
Aber kommen wir zum Inhalt. Schon die Namen der Vorwortschreiber lassen aufhorchen: Sir Harold Kroto, der den Nobelpreis für die Entdeckung der Fullerene zusammen mit Smalley und Curl bekam, und Prof. Michael Veith, ein exzellenter anorganischer Chemiker, der in der Wissenschaftlergemeinde vor allem für seine Leistungen im Bereich der Chemischen Gasphasenabscheidung bekannt ist und zahlreich ausgezeichnet wurde.
Bis zu seiner Emeritierung 2010 war er wissenschaftlicher Geschäftsführer des INM - Leibniz-Instituts für Neue Materialien in Saarbrücken.
Und hier liegt auch die Affinität der Innenarchitektin Sylvia Leydecker für die Nanotechnologie begründet. Das Institut gilt als Begründer der sog. Chemischen Nanotechnologie, also eines Zweiges der Nanotechnologiefamilie, die Nanopartikel, -strukturen und -schichten vor allem durch bekannte und erprobte Methoden der chemischen Verfahrenstechnik herstellt. In Besuchen des Institutes hat sie sich von der Thematik begeistern lassen und seither nicht mehr losgelassen. Ihr Blick galt dabei immer dem Machbaren und der Verwertbarkeit in ihrem eigenen Fachbereich.
Diese Begeisterung schlägt über, wenn man sich in das Buch vertieft. Sie verzichtet dabei gänzlich auf Formeln und Reaktionsgleichungen und dennoch ist es alles andere als eine populärwissenschaftliche Sammlung von Effekten und Einzelfunden.
So spannt das Werk aus dem bekannten Birkhäuserverlag einen Bogen von einer gut verständlichen Einführung in das Thema Nanotechnologie über einen wirklich gut aufbereiteten geschichtlichen Abriss, Aspekte der Ökologie und der Ökonomie bis zur Diskussion um Chancen und Riskiken.
Mit Fragen zu den Folgen der Nanotechnologien fürs Produktdesign spielt das Buch (und damit die Autorin) dann ihre eigene Stärke aus und eröffnet den Reigen auf die Anwendungsbeispiele aus der Architektur.
Auch für Nano-Experten ist es mitunter überraschend, wo in großem Stil schon Nanoanwendungen den Alltag begleiten. Dieser Teil des Buches macht rund 120 Seiten und damit rund 2/3 des Werkes aus.
Es schließt ab mit einem Blick auf einen "ganzheitlichen" Einsatz von Nano-Oberflächen in der Innenarchitektur.
Das Buch kann kein Fachbuch zur Nanotechnologie ersetzen. Diesen Anspruch hat es aber auch gar nicht. Stattdessen schließt es den Leser für diese Technologie auf, die ja immer wieder als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts oder als "enabling technolgy" bezeichnet wird. Die Autorin selbst wird - mit diesen Worten - zum enabling author.
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