Was kann eine junge Frau dazu bringen, ihr Stellengesuch an ein völlig überfülltes, schwarze Brett zu heften, um sich als Nanny engagieren zu lassen? Zwei typische Nannyanwärter gibt es: Einmal ist da die Ausländerin, ohne Berufsausbildung, oder die Studentin, die unter permanenter Geldknappheit leidet. Beide Typen können es sich nicht leisten große Ansprüche zu stellen und sind meist Single. Natürlich sollte man als Nanny auch ein Händchen für die lieben Kleinen haben, also viel Geduld und gute Nerven. Dann begegnet die Bewerberin schon bald dem Proto-Typ der treusorgenden, aber überlasteten Mutter. Diese verfügt über ein dezentes Auftreten, trägt Designerkleidung und mustert die angehende Hilfskraft mit zweifelndem Blick.
Wahrscheinlich hätte die Leserin in Gedanken schon nach dem typischen Vorstellungsgespräch (von dem Kind ist zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nichts zu sehen) Reißaus genommen. Aber die Heldin dieses Romans trägt nicht nur ihren Namen als Berufsbezeichnung; sie widmet sich auch mit Herz und Verstand ihrer Aufgabe. So erringt sie das Vertrauen des vierjährigen Knirpses der Familie X und auch sonst trägt sie ihre Kämpfe mit großer Gelassenheit aus. Zwischen "Spielterminen", "pädagogischem Essen", "Elterngesprächen" und Kindergeschrei findet sie noch Zeit für ihr Studium, ihre Familie und sogar für die Liebe aus dem fünften Stock des Arbeitgeberhauses. Dort wartet ihr "Harvard-Prinz", welchen sie nach Feierabend so gern mal küssen will - wenn er ihr im Fahrstuhl begegnet.
Emma McLaughlin und Nicola Kraus haben als Insiderinnen nicht nur eine treffende Gesellschaftssatire geschrieben. Der Roman versteht sich auch als Plädoyer für all die Kinder, die anstatt auf eine teure Vorschule zu gehen, extra gesundes Essen vorgesetzt zu bekommen und mit ihrer Nanny zu ihren "Spielterminen" zu hasten, viel lieber die so kostbare Zeit ihrer Eltern hätten. Doch diese Eltern sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, behandeln ihre Untergebenen wie Fußabstreifer und finden ihre eigenen Sprösslinge unglaublich anstrengend. Nichtsdestoweniger bleibt - hoffentlich nicht nur der Nanny - die Hoffnung, dass die Erziehungsberechtigten begreifen wie wundervoll ihre eigenen Kinder sind. Und dass die Zeit mit ihnen kostbar und einmalig ist.
Die Adaption von Nanny Diaries mit Scarlett Johannsson in der Hauptrolle läuft seit Mitte August in deutschen Kinos.