Uwe Makino behandelt das "Massaker von Nanking", einen Massenmord der von der japanischen Armee an chinesischen Kriegsgefangenen und Zivilisten um den Jahreswechsel 1937/38 verübt wurde. Das alles geschieht wissenschaftlich fundiert und kühl abwägend. Die Ergebnisse sind entsprechend stichhaltig. Allerdings berührt es gerade bei der betont kühl-distanzierten Schilderung mehr als merkwürdig, wie emotional Makino sich immer wieder gegen das Buch von Iris Chang wendet. (Ähnlich argumentiert er ganz nebenbei auch in einer Kritik bei amazon gegen ihr Buch.) Die Polemik gegen Chang ist beinahe so eine Art roter Faden in seinem Buch. Chang erhebt aber auch gar keinen wissenschaftlichen Anspruch und so bleibt von seinen zahlreichen Vorwürfen letztlich eigentlich nur ihre Schätzung der Opferzahlen übrig (und ihr amerikanischer Buchtitel), bei der sie sich aber durchaus an andere Forscher anlehnt und auch Makino präsentiert ja eine breite Palette der Angebote von der fast vollständigen Leugnung der Untaten bis hin zu "Überzeichnungen", auch wenn er selbst sich dann dem (unteren) "Mittelfeld" anschließt (30.000 bis 60.000 Todesopfer). Damit liegt er auch sehr dicht an den Schätzungen der damaligen Augenzeugen, wie John Rabe. Allerdings kann auch Makino das Grundproblem aller Schätzungen, nämlich die Ausgangszahl der Bevölkerung von Nanking nicht lösen (waren es eher 700.000 Menschen oder doch nur 200.000?). Aufgrund mangelhafter Quellen wird sich dies wohl auch nie mehr klären lassen. Makino versäumt es auch nicht, die japanischen Leugner billiger Tricks und regelrechter Lügen zu überführen und seine Überlegungen sind auch durchaus begründet. Aber wer beide Bücher gelesen hat, wird kaum umhinkönnen, gerade das was Chang als "zuviel" vorgeworfen wird, bei Makino als "zuwenig" zu bemängeln. Die Schrecken und der Terror bleiben in seiner Darstellung seltsam blass, mehrmals mokiert er sich darüber, daß Chang vom "von Blut geröteten Fluss" schreibt (nebenbeibemerkt unter Berufung auf Augenzeugen), aber seine Toten sind doch nur blutleere Zahlen auf Papier. Das mag einer wissenschaftlichen Darstellung angemessen sein, verstellt aber den Zugang davor, wie die westlichen Augenzeugen das Geschehen wahrgenommen haben (ganz zu schweigen von den Opfern). Letztlich bleibt auch der Mord an über 30.000 Menschen (oder die Vergewaltigung von Zigtausend Frauen) ein Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes und da berührt es schon merkwürdig, wenn der Frage, ob die Tötung von Kriegsgefangenen überhaupt als Mord einzustufen ist, breiter Raum eingeräumt wird. Das alles wird sicher den Motiven der Täter gerecht, verstellt aber eben auch den Zugang zu den Opfern. So bleibt Makino offensichtlich genauso wie Chang in familiäre Verknüpfungen eingebunden, sie durch ihre Eltern auf Seiten der Chinesen, er durch seinen Schwiegervater auf Seiten der Japaner. Fazit: Am besten beide Bücher lesen.