Wie oft wurde die Frage gestellt, ob Primordial ihr letztes Album The Gathering Wilderness noch toppen können? Jedenfalls haben sich die sympathischen Iren davon nicht einschüchtern lassen und ihr Ding weiter durchgezogen. Und das mit voller Kraft voraus: Bisher konnte ich keinen Ausfall feststellen. Zuerst fällt der stark verbesserte Sound auf. Sicher hat The Gathering Wilderness ihren Charme aufgrund des rauen und dumpfen Sounds. Vergleicht man diesen jedoch mit dem der neuen Platte, zieht das Vorgängeralbum eindeutug den kürzeren. Bei The Nameless Dead kann man jedes Instrument zu jedem Zeitpunkt raushören, sogar den Bass, was ja äusserst selten der Fall ist. Dies ist gelungen, obwohl - oder vielleicht gerade weil - Primordial ihr Album analog eingespielt haben.
Die Platte beginnt mit dem Song Empire Falls: Leise, immer lauter werdende cleane Gitarren leiten das Album ein, bis der Sturm beginnt. Primordial so, wie man sie gewohnt ist, hymnisch, melancholisch, manchmal verzweifelt und immer erhaben. Gallows Hymn, für Primordialverhältnisse ungewohnt kurz, wird vom Bass eingeleitet, ehe die Gitarren mit einsteigen. As Rome Burns, mit fast 10 Minuten der längste Song, stellt dann den ersten Höhepunkt dar: Das Schlagzeug beginnt, der Bass und schliesslich die Gitarren steigen mit ein, bevor Nemtheangas klagender Gesang beginnt. Nach der knappen Hälfte des Songs ein überraschender Break: cleane Gitarren spielen eine ruhige, melancholische Melodie, zu der geflüsterte Stimmen einsetzen, die sich immer mehr steigern, bis sie es herausschreien: "Sing to the slaves that Rome burns!". Grandios! Ein weiterer Höhepunkt ist dann der fünfte Song "Heathen Tribes", der in zwei Teile geteilt ist: Im ersten dominieren cleane Gitarren in Abwechslung mit ein paar härteren Parts, es wird zunächst klar gesungen und am Ende krächzt, schreit und keift sich Nemtheanga die Seele aus dem Leib, worauf der zweite Teil des Songs beginnt. Dieser gestaltet sich ungewohnt fröhlich, was der Qualität und typischen Primordialatmosphäre jedoch keinen Abbruch tut, da die von den Gitarren gespielten Melodien sehr stark an irische Folklore angelehnt sind. Diese passen dann auch zum Text, in dem Nemtheanga von den Orten erzählt, die er und die Band gesehen haben, um am Ende seiner irischen Heimat seine Liebe zu erklären.
Die Texte sind insgesamt wieder sehr "pagan" gehalten. Primordial gehören jedoch zu den ganz wenigen Bands, bei denen dies glaubwürdig herüber kommt. Zudem verstecken sich die Jungs nicht hinter Phrasen wie "Jeder soll selbst interpretieren, was wir mit unseren Texten mitteilen wollen", sondern liefern zu jedem Song eine Erklärung ab und kommentieren auch das ganze Werk, teilweise im Vergleich mit dem Vorgängeralbum. Durch all dies wird bei den Jungs eine Liebe zum Detail deutlich, wie man sie nur selten antrifft. Man bekommt als Fan den Eindruck, dass sie eine grosse Menge an Herz und Seele in ihr Album investiert haben und sich auch Gedanken über ihr Tun machen.
Der Erwerb der limitierten Version lohnt sich auf jeden Fall: Die Bonus-CD mit ihren 6 Livetracks, aufgenommen beim Rock Hard Festival 2006 ist sehr gut gelungen, der Sound ist wunderbar. Dazu ist das Booklet stolze 40 Seiten lang und mit sehr viel Substanz gefüllt, dazu ist es visuell sehr gut gelungen.
Also ein rundum zu empfehlendes Werk, an dem es mal überhaupt nichts auszusetzen gibt! Sicher kann man sich die Frage stellen, ob sie ihren Übersong Gods to The Godless denn nun übertroffen haben oder nicht (ich würde mit "ja" antworten, As Rome Burns ist mindestens gleichwertig und Heathen Tribes ein kleines, aber deutliches Stück vorn; manch anderer wird dies sicher anders sehen). Aber letztendlich ist das egal, Fakt ist, dass dieses Album eins der besten, vielleicht das beste aus dem Jahr 2007 ist.