Naked Lunch in dieser Ausgabe ist 378 Seiten lang (gebunden). Die "Geschichte" selbst endet jedoch bereits über 100 Seiten vorher. Der Rest sind Erklärungen, Meinungen, Entstehungsgeschichte und Outtakes, die allesamt für das Lesevergnügen unbedingt nötig sind.
Ich neige sogar fast dazu, die Empfehlung abzugeben, die Anhänge vor dem eigentlichen Buch zu lesen. Denn die Geschichte eine Geschichte zu nennen, wäre reichlich übertrieben. Es gibt einige kleinere Handlungsstränge, die begonnen werden, später dann unter Umständen fortgeführt, dies dann aber nicht zwangsläufig chronologisch. Mir ist klar, dass dies zur Konzeption des Buches gehört, was jedoch nichts daran ändert, dass kein Lesefluss entsteht.
Nichtsdestotrotz bietet das Buch Spaß. Die skurrilen Charakter und Szenen wissen zu unterhalten. Wer mehr vor hat, als einfache Lektüre, kann noch eine Menge aus dem Buch herauskitzeln. Unabdingbar ist hierbei die Kenntnis des Lebens von Burroughs, Lektüre der Anhänge und sonstiger Kommentare/Zusammenfassungen die im Internet erhältlich sind sowie der gleichnamige Film. In diesem Paket erreicht das Buch eine deutliche Aufwertung.
Wer jedoch nur die "Geschichte" lesen will, kann durchaus ein bis zwei Sterne abziehen.
Als Einstieg in die Beat Generation bzw. der postmodernen Literatur taugt des Buch nicht.
Noch einige Worte zur "ursprünglichen Fassung": die Veröffentlichungsgeschichte des Romans ist fast genauso wirr wie dessen Inhalt. An dem Buch wurde vor/während/nach der Veröffentlichung viel geflickschustert. Alerdings ist es meines Erachtens nicht so einfach zu erkennen, welche Einfügungen, Auslassungen und Umordnungen tatsächlich vom Autor gewollt waren und welche von der Verlagen vorgegeben (dabei meine ich jetzt explizit nicht Zensierungen). Das Buch nun als die vom Autor intendierte Version anzunehmen, muss zumindest hinterfragt werden.