Neue Zürcher Zeitung
Ein Lexikon
des Palästinakonflikts
Hilfsmittel mit Lücken
Die Hoffnung aus der Mitte der neunziger Jahre, der Nahostkonflikt komme einem Prozess der gütlichen Regelung näher, ist mittlerweile nicht nur enttäuscht, sondern durch blutige Ereignisse in Palästina, Israel und Amerika geradezu hinweggespült worden. Ratlos fragen sich nun viele, wohin dies noch führen soll. Es wächst daher auch der Bedarf an Wissen darüber, welche Wege die Akteure bisher zurückgelegt haben. Wer mehr zu Israel und Palästina erfahren möchte, dem sei das «Nahostlexikon» von Gernot Rotter und Schirin Fathi bedingt empfohlen. Seine Vorzüge sind Aktualität, Kürze und gute Ausstattung im Anhang mit Zeittafel, Literaturauswahl, Internetadressen und Karten.
Seine Nachteile entspringen einem fragwürdigen Ansatz. Denn das Konzept folgt wohl der Annahme, der israelisch-palästinensische Konflikt könne getrennt von anderen Konfliktfeldern im Nahen Osten dargestellt werden. Aber es sind ja nur zehn Jahre her, seit durch die Madrider Friedenskonferenz und ihre Folgeprozesse eine neue Entwicklung in Gang kam. Doch was sind zehn gegen hundert Konfliktjahre, was ist ein junger Prozess gegen die Komplexität des nahöstlichen Gefüges? Ganz zu schweigen vom Kalten Krieg mit den auch im Nahostkonflikt rivalisierenden Militärpakten, die die dortigen Machthaber geprägt haben.
Diese Einschränkung schlägt sich im Lexikon nieder. Wer wissen will, was nun eigentlich der Nahostkonflikt ist, sucht vergeblich, denn dieser Grundbegriff fehlt ebenso wie «israelisch-palästinensischer Konflikt». Dies gilt beispielsweise auch für «Waffenhandel». Letzteres lässt einen fragen, ob das Buch mit seinen Hamburger Herausgebern auch Besonderheiten der deutschen Nahostpolitik spiegle. Zwar weist das Vorwort Abdallah Frangis, des langjährigen Palästina-Gesandten in Bonn und Berlin, auf solche Fragestellungen hin, doch heisst es unter dem Stichwort «Deutsche Nahostpolitik», die Politik der DDR werde nicht behandelt. Dies ist umso merkwürdiger, als es mit der deutschen Zweistaatlichkeit 40 Jahre lang eine «doppelte» und widerstreitende deutsche Nahostpolitik gegeben hat, die im nahöstlichen Hauptkonflikt tiefe Spuren hinterlassen hat. Bekanntlich war Bonn in der Ära des Kalten Krieges eine Säule für Westjerusalem, indes Ostberlin dies für die Palästinensische Befreiungsorganisation wurde. Während der Begriff «Terrorismus» fehlt, fällt der Artikel «Geheimdienste» einseitig aus: Viel steht da zu Israel, die arabische Seite kommt zu kurz, während wiederum die deutsche Einwirkung ausgespart bleibt.
Der Band erweckt als «Nahostlexikon» vor allem unter dem Aspekt des Konfliktes um Palästina und Israel viel Neugier, zuweilen aber ohne ihr zu genügen. Benutzerfreundliche Hinweise zu Beginn, was der Leser erwarten kann und was nicht, hätte die Ansprüche in günstigere Bahnen gelenkt. Wer einige Lücken füllen möchte, greife zum «Lexikon der Arabischen Welt», das Günter Barthel und Christina Stock im Wiesbadener Reichert-Verlag ediert haben, oder zum «Dictionary of the Middle East» des Inders Dilip Hiro in der New Yorker St. Martin's Press.
Wolfgang G. Schwanitz
Kurzbeschreibung
Seit über einhundert Jahren ist der Nahe Osten die brisanteste Krisenregion der Erde. Der Nahostkonflikt - in seinem Kern die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung um das Land Israel/Palästina - ist somit im wahrsten Sinne ein Jahrhundertkonflikt. Mit diesem Buch erscheint erstmals in deutscher Sprache ein Nachschlagewerk, welches in Lexikonform den israelisch-palästinensischen Konflikt in seiner Gesamtheit darstellt. Sachlich und umfassend werden in über einhundert Stichworten u. a. folgende Aspekte behandelt:
- die Geschichte des Konflikts
- die unmittelbar beteiligten Konfliktparteien (Israel und Palästinenser sowie die Staaten Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon)
- die wichtigsten Politiker und politischen Organisationen
- die kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Zusammenhänge
- die Kriege um Israel und Palästina
- die israelische Besatzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens
- die Intifada
- die Rolle der Großmächte und der Europäer
- die Jerusalemfr age
- die Konfliktlösungsvorschläge
- Die Friedensverhandlungen
- der Friedensprozess seit dem Oslo-Abkommen
- die Al-Aqsa-Intifada
- die aktuelle Konflikteskalation
Die Informationsfülle verleiht dem Buch den Charakter eines Standardwerkes. Der Textteil wird ergänzt durch einen umfangreichen Karten- und Literaturanhang sowie eine detaillierte Zeittafel und einen ausführlichen Webguide.