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Erstmal muss gesagt werden, dass man nicht zu viele schnelle Stücke erwarten darf ... eigentlich "rocken" nur zwei, nämlich "Daneben" und "Gejammer". Dass alle anderen eher langsam sind, ist ja für sich noch kein Grund zu nörgeln. Aber gerade bei langsamen Stücken achtet man ja doch mehr auf den Text ... und da geht leider nichts. Westernhagen zitiert sich nicht zu knapp selbst, leider nur schlechter. Der Wortwitz ist vollkommen verloren gegangen, die Texte erinnern nicht zu knapp an Pur oder Matthias Reim ... Dieter Thomas Heck würde sich freuen ...
Nur mit "Georgie" deutet MMW dann doch an, dass tief in ihm doch noch etwas schwarzer Humor schlummert. Zweites 'Highlight' ist "Daneben", erinnert stark an Songs von "Affentheater" (werde aber das Gefühl nicht los, dass Marius sich dabei gedacht hat, einen 'Rocker' haben zu müssen, zwei mal Affentheater gehört hat und den Song dann hingerotzt hat). Aber das könnte wenigstens einer für die Tour werden ... alle anderen werden nämlich -denkt man an die wirklich guten MMW Songs- ziemliche Showstopper werden. Ich befürchte, der Kartenverkauf wird mit der CD nicht besser ...
Schade ist, dass einige Songs z.B. "Du entkommst mir nicht", "Eins" und "Gejammer" eigentlich ganz gut hätten werden können, wenn Marius sich etwas mehr Mühe bei Text und Performance gegeben hätte. Der Rest ist Schlager.
Zu hoffen bleibt, dass diese CD, die -da können die härtesten Fans noch so oft 5 Sterne geben- ein Reinfall wird, Marius irgendwann mal wieder auf den Boden zurück bringt und zu einer guten Platte motiviert (Aber das habe ich nach "In den Wahnsinn" auch schon gehofft ...). Er ist nämlich einer der besten und sollte es verdienen, mit Grönemeyer in einer Liga gesehen zu werden ... momentan ist er weit davon entfernt - auch wenn seine Ticketpreise doppelt so hoch sind wie die von Herbert.
In einer Zeit, in der deutesche Musik mit intelligenten Texten im Aufwind ist, würde der Nachwuchskünstler Westernhagen weder Plattenvertrag noch Auftritte bekommen ... nicht einmal in der ZDF-Serie "Girlfriends" ... aber da kann ihm ja notfalls Herr Gottschalk helfen ...
Denn gleich das erste, sieben Minuten lange Stück (gefühlte Minuten: maximal vier) Versuch Dich zu erinnern ist von einem dermaßen legeren Rhythmus unterlegt, dass der Glaube, es handele sich hierbei um Marius Müller-W., in seinen Grundfesten erschüttert wird. Aber freilich nur bis zum nächsten Song Alles ist möglich , an dem altbekannte Klavier- und Gesangstöne zum Vorschein treten, samt dieser pathetischen Klänge, für die der Songschreiber geliebt - und gehasst wird. Auch das vergeht schnell, und es kommt Du entkommst mir nicht hervor, ein Song, der teils eng an «It's Probably Me» von Eric Clapton angelegt ist. Es sei Westernhagen erlaubt, schließlich scheint er sich auch endlich von der Rivalität mit Grönemeyer emanzipieren zu wollen.
Überhaupt scheint der Sänger die Americana-Schiene entdeckt zu haben. Auf Gejammer , beispielsweise, spielen Banjo und Fidel zum Grundrock, während sich Westernhagen beschwingt über die soeben verflossene Beziehung auslässt. Aber gerade dadurch gefällt er, genau so, wenn er die ruhigen Lounge-Klänge auf Schweige still zum Leben erweckt; hier harmonieren Glockenspiel, Saxofon, Hammond-Orgel, Percussion und ein sanft gespielter Bass, ganz ohne die Rührseligkeit, die seine Songs sonst gerne durchzieht. Das heißt allerdings im Umkehrschluss auch nicht, dass er ganz ohne kann: Das an deutsche Seefahrer-Lieder angelehnte Georgie erinnert an vergangene Platten , wie auch die anderen in regelmäßigen Abständen folgenden ruhigen Songs. Sie bieten oftmals nur Westernhagens Gesang, seine Klavierkünste und seine Alltags-Philosophie.
Und doch kriegt der Künstler auf Nahaufnahme stets die Kurve, er wirkt nicht peinlich und versucht auch nicht verkrampft, seine Hörer peinlich zu berühren. Einmal, nur einmal, bittet er auf Willst Du tanzen sein Gegenüber um Verzeihung, ja, er kniet gar vor ihm nieder, um alles wieder besser zu machen. Dabei hat er das ob des gelungenen Albums gar nicht nötig, auch wenn sich der Hörer manches Mal wünscht, dass Westernhagen seine anfänglich offenbarte Experimentierlust noch stärker ausleben würde.
Immerhin ist er berechenbar: Nach dem ruhigen Song folgt das bereits erwähnte flotte Gejammer , Mit am besten ist er gewiss, wenn er unbekümmert und frei von der Leber singt. Daneben ist eines dieser Rock-Songs, die gute Laune verbreiten. Doch auch wenn nicht alle Songs auf Nahaufnahme dergestalt gestrickt sind, kann doch festgehalten werden, dass sich Marius Müller-Westernhagen mit seiner CD neue Freunde machen wird. Ich wollte nie heiß das elfte Lied auf der Scheibe, und man ist geneigt zu vervollständigen «schlechte Alben produzieren».
Tat er aber. Heuer geht Westernhagen manches Mal ein Risiko ein, weil er vieles spielt, was man so von ihm gar nicht gewohnt ist. Das ist gut so. Und manchmal schreibt er sogar richtig gute Stücke.
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