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Nah und Fern
 
 
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Nah und Fern [Englisch] [Taschenbuch]

Nicholas Sparks , Adelheid Zöfel
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (40 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Alles begann mit einer Werbepost. Bei Nicholas Sparks zu Hause in North Carolina herrschte mal wieder das totale Chaos -- genau jene Portion an (von fünf Kindern produziertem) Durcheinander, die der Schriftsteller zum Schreiben nach eigenem Bekunden offenbar dringend nötig hat. Trotzdem wollte es mit dem Plot seines Romans Das Lächeln der Sterne nicht so recht weiter gehen, also ging Sparks zum Briefkasten. Drinnen fand sich ein Prospekt, der von einer Weltreise erzählte: zu den Ruinen der Maya und der Inka, den riesigen Steinfiguren der Osterinseln, den „Killing Fields“ und der Felsenkirche von Äthiopien, bis zum Polarkreis und nach Australien. Flugs rief Sparks seinen ein Jahr älteren Bruder Micoah in Los Angeles an, um ihn für die Reise zu gewinnen (natürlich nicht, ohne sich vorher mit seiner Frau besprochen zu haben!). Und schon bei den ersten Gesprächen vermischte sich die Vorfreude mit Erinnerungen an die eigene Kindheit: ein Aspekt, der den ganzen weiteren Fortgang dieses grandiosen Buchs bestimmt.

„Dieses Buch erzählt von zwei Brüdern“, heißt es an einer Stelle von Nah und fern. „Es ist die Geschichte von Micah und Nicholas. Und die Geschichte unserer Familie. Es ist eine Geschichte voller Tragik und Glück, voller Hoffnung und Hilfsbereitschaft. Es ist die Geschichte unserer Kindheit und Jugend, wie wir uns veränderten und verschiedene Wege einschlugen, uns aber doch immer näher kamen“. So erzählt Nah und fern also zwei Geschichten, die der Titel widerspiegelt: „Die eine Reise führte meinen Bruder und mich in ferne, unbekannte Welten, die zweite ist unsere Lebensreise, die uns zu guten Freunden werden ließ.“ Wie es sich für einen guten Schriftsteller wie Sparks gehört, hat er sein Buch damit so treffend zusammengefasst, dass man gar nicht mehr viele Worte darum machen muss. Und so ist auch der ganze Band: Präzise, ausdrucksstark und faszinierend. Zwei neue Welten, in der Tat: eine für Sparks-Fans, und eine für Freunde guter Reiseliteratur. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

"Mit großer Offenheit erzählt Nicholas Sparks seine eigene Familiengeschichte. Die ist bisweilen so traurig, dass man sich fragt, woher dieser Mann die Kraft und Fantasie für seine wunderbaren Romane nimmt. Respekt, Mr. Sparks!" (Für Sie )

"Eine bewegende Geschichte, die klar macht, wie wichtig Familienzusammenhalt ist. Bereichernd und ermutigend." (Washington Post )

"Der amerikanische Bestsellerautor ist ein Garant für sentimentale Geschichten mit Niveau." (Bild am Sonntag )

Kurzbeschreibung

Voller Erwartungen machen sich Nicholas Sparks und sein Bruder Micah 2003 auf eine Weltreise. Was als Urlaub beginnt, wird schon bald ein bewegendes Eintauchen in die Erinnerung – in die dramatische Geschichte ihrer Familie, die durch den tragischen Tod der Eltern und der Schwester allzu früh zerrissen wurde. Diese außergewöhnlichen Memoiren bieten einmalige Einblicke in das Leben des Bestsellerautors.


Klappentext

"Mit großer Offenheit erzählt Nicholas Sparks seine eigene Familiengeschichte. Die ist bisweilen so traurig, dass man sich fragt, woher dieser Mann die Kraft und Fantasie für seine wunderbaren Romane nimmt. Respekt, Mr. Sparks!"
Für Sie

"Eine bewegende Geschichte, die klar macht, wie wichtig Familienzusammenhalt ist. Bereichernd und ermutigend."
Washington Post

"Der amerikanische Bestsellerautor ist ein Garant für sentimentale Geschichten mit Niveau."
Bild am Sonntag

Über den Autor

Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt zusammen mit seiner Frau und fünf Kindern in North Carolina. Mit seinen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in 47 Ländern erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Alle seine Bücher sind bei Heyne erschienen, zuletzt "Wie ein Licht in der Nacht“.

Auszug aus Nah und fern. Die Reise unseres Lebens von Nicholas Sparks, Micah Sparks, Adelheid Zöfel. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

PROLOG

Dieses Buch entstand, weil im Frühjahr 2002 ein Prospekt in meinen Briefkasten flatterte.
Es war ein typischer Tag im Hause Sparks. Den größten Teil des Morgens und des Nachmittags hatte ich damit verbracht, an meinem Roman »Das Lächeln der Sterne« zu arbeiten. Ich war aber nicht besonders gut vorangekommen und wollte den Tag einfach nur hinter mich bringen. Ich hatte längst nicht so viel geschrieben wie geplant und wusste beim besten Willen nicht, wie ich die Geschichte am nächsten Tag weiterführen sollte. Entsprechend schlecht war meine Laune, als ich gegen Abend den Computer endlich ausschaltete.
Mit einem Schriftsteller zusammenzuleben, ist nicht immer leicht. Ich weiß das so genau, weil meine Frau mich öfter darauf hinweist, und das tat sie auch an diesem Tag. Niemand hört so etwas gern. Man möchte sich sofort verteidigen, aber ich habe inzwischen begriffen, dass es nichts bringt, wenn ich mich rechtfertige und mit ihr darüber debattiere. Es hat keinen Sinn. Statt zu sagen »Stimmt doch gar nicht!«, ergreife ich lieber ihre Hände, blicke ihr tief in die Augen und sage die drei Zauberworte, die jede Frau am liebsten hört: »Du hast Recht, mein Schatz.«

Manche Leute glauben, nur weil ich ein relativ erfolgreicher Schriftsteller bin, fällt mir das Schreiben leicht. Sie stellen sich vor, ich notiere einfach alles, »was mir so einfällt«, arbeite ein paar Stunden am Tag, liege den Rest der Zeit entspannt mit meiner Frau am Swimmingpool und plane derweil mit ihr unsere nächste exotische Urlaubsreise.
In Wirklichkeit unterscheidet sich unser Leben kaum von dem einer durchschnittlichen Mittelschichtfamilie. Wir besitzen keinen Stab von Bediensteten, wir sind nicht ständig unterwegs. Zwar haben wir im Garten hinter dem Haus einen Pool mit mehreren Liegestühlen, das stimmt, aber ich kann mich nicht entsinnen, dass diese Liegestühle je besonders intensiv genutzt worden wären. Weder meine Frau noch ich haben tagsüber genug Muße, um herumzusitzen und zu faulenzen. In meinem Fall liegt es an der Arbeit. Bei meiner Frau ist der Grund die Familie. Oder genauer gesagt: die Kinder.
Wir haben nämlich fünf Kinder, muss man wissen. Wenn wir Pioniere wären, fände kein Mensch diese Zahl besonders erstaunlich, aber heutzutage runzeln die Leute irritiert die Stirn. Letztes Jahr im Urlaub unterhielten meine Frau und ich uns mit einem anderen jungen Paar. Ein Thema ergab das andere, und schließlich landeten wir bei den Kindern. Die beiden hatten zwei Kinder, und nachdem sie uns gesagt hatten, wie diese heißen, rasselte meine Frau die Namen unserer Kinder herunter.
Einen Moment lang herrschte Schweigen, und man merkte, dass die andere Frau glaubte, sie hätte sich verhört.
»Sie haben fünf Kinder?«, fragte sie schließlich.
»Ja.«
Mitleidig lächelnd legte sie meiner Frau die Hand auf die Schulter. »Sind Sie verrückt?«
Unsere Söhne sind zwölf, zehn und vier, unsere Zwillingstöchter werden demnächst drei. Es gibt auf der Welt vieles, wovon ich nichts verstehe, aber eins weiß ich mit Sicherheit: Irgendwie schaffen es Kinder, die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken. Die beiden älteren wissen, dass ich mein Geld mit Romanschreiben verdiene, aber ich habe meine Zweifel, ob sie sich wirklich vorstellen können, was das bedeutet. Als zum Beispiel mein Zehnjähriger in der Schule nach dem Beruf seines Vaters gefragt wurde, warf er sich stolz in die Brust und erklärte: »Mein Vater sitzt den ganzen Tag am Computer und spielt!« Mein ältester Sohn hingegen sagt hin und wieder zu mir – und er meint es völlig ernst: »Weißt du, Schreiben ist kein Problem. Schwierig ist nur das Tippen!«
Ich arbeite zu Hause, wie viele andere Schriftsteller, aber da hört die Ähnlichkeit auch schon auf. Mein Arbeitszimmer ist kein unzugängliches Heiligtum im oberen Stockwerk, nein, die Tür führt direkt ins Wohnzimmer. Ich habe gelesen, dass manche Autoren absolute Ruhe benötigen, um sich konzentrieren zu können. Bei mir ist das zum Glück anders. Ich brauche diese Stille nicht, und das ist gut so, denn sonst hätte ich wahrscheinlich nie angefangen zu schreiben. Bei uns ist nämlich immer etwas los. Der Trubel beginnt praktisch in dem Moment, in dem meine Frau und ich morgens aufstehen, und Ruhe kehrt erst ein, wenn wir spät abends erschöpft in die Kissen sinken. Ein Tag bei uns zu Hause schafft selbst den stärksten Mann. Das können alle unsere Besucher bestätigen. Erstens platzen unsere Kinder schier vor Unternehmungslust. Jedes von ihnen verfügt über Unmengen von Energie, und wenn man diese mit fünf multipliziert, würde die Summe ausreichen, um ganz Cleveland mit Strom zu versorgen. Auf magische Weise tanken die Kinder beieinander Kraft, jeder profitiert vom anderen. Selbst unsere Hunde sind daran beteiligt, und oft hat man den Eindruck, als würde sogar das Haus bei diesem Energieaustausch mitmachen. Zum Standardprogramm eines ganz normalen Tages gehören: mindestens ein krankes Kind, Spielsachen, die im gesamten Wohnzimmer verstreut sind und wie von Zauberhand sofort wieder auftauchen, nachdem sie weggeräumt wurden, kläffende Hunde, lachende Kinder, ein pausenlos klingelndes Telefon, Berge von Post, Tränen, verschwundene Hausaufgaben, kaputt gegangene Geräte, Projektarbeiten für die Schule, die am nächsten Morgen abgegeben werden müssen und von denen die Eltern natürlich erst im letzten Moment erfahren. Baseballtraining, Gymnastik, Footballtraining, Taekwondo. Handwerker, die kommen und gehen und irgendetwas reparieren – oder auch nicht. Knallende Türen. Kinder, die den Flur entlangrennen und Gegenstände herumwerfen, Kinder, die sich gegenseitig ärgern, die etwas zu essen wollen oder schluchzen, weil sie hingefallen sind, Kinder, die einem auf den Schoß klettern und quengeln, weil sie SOFORT Zuwendung brauchen. Wenn meine Schwiegereltern wieder abreisen, nachdem sie uns eine Woche besucht haben, können sie jedes Mal gar nicht schnell genug zum Flughafen kommen. Sie haben dunkle Ringe unter den Augen und wirken wie benommen, als hätten sie gerade die Invasion in der Normandie überlebt. Statt »Auf Wiedersehen« zu sagen, schüttelt mein Schwiegervater immer nur den Kopf und flüstert: »Viel Glück. Das werdet ihr auch brauchen!«
Meine Frau nimmt das Chaos gelassen hin. Sie ist überhaupt ungeheuer geduldig und lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Die meiste Zeit genießt sie den Wirbel sogar, glaube ich. Meine Frau, das möchte ich noch hinzufügen, ist eine Heilige.
Entweder das – oder sie ist tatsächlich verrückt.

Ich bin für die Post verantwortlich. Jemand muss ja zum Briefkasten gehen, und irgendwie ergab es sich, dass mir diese Aufgabe zufiel.
Der Tag, an dem ich den Prospekt bekommen habe, war wie gesagt ein Tag wie jeder andere. Lexie, damals sechs Monate alt, hatte eine schwere Erkältung und wollte den ganzen Tag lang von meiner Frau umhergetragen werden. Miles hatte unseren Hund mit fluoreszierender Farbe angepinselt und führte ihn stolz vor, als hätte er eine tolle Leistung vollbracht. Ryan musste für eine Klassenarbeit lernen, hatte aber das Buch in der Schule liegen lassen und wollte das Problem dadurch lösen, dass er ausprobierte, wie viel Klopapier er die Toilette hinunterspülen konnte. Landon malte die Wände an – wie so oft –, und was Savannah machte, weiß ich nicht mehr, aber es war bestimmt etwas Außerplanmäßiges, denn mit ihren ebenfalls sechs Monaten hatte sie von ihren Geschwistern schon einiges gelernt. Dazu dröhnte der Fernseher, das Essen blubberte auf dem Herd, die Hunde bellten, das Telefon schrillte mal wieder, kurz, der allgemeine Lärmpegel hatte ein ohrenbetäubendes Niveau erreicht. Ich befürchtete, dass selbst meiner Frau in Kürze der Geduldsfaden reißen würde, Heiligenschein hin oder her. Also stieß ich mich mit meinem Stuhl vom Computertisch ab, atmete tief durch und stand auf. Dann ging ich ins Wohnzimmer, ließ meinen Blick über das Tohuwabohu schweifen, und mit meinem untrüglichen männlichen Instinkt wusste ich sofort, was zu tun war. Ich räusperte mich, lenkte dadurch für einen Moment die gesamte Aufmerksamkeit auf mich und verkündete mit ruhiger Stimme: »Ich seh mal nach, ob die Post schon da ist.«
Und schon war ich zur Tür hinaus.

Weil unser Haus ein Stück von der Straße zurückliegt, braucht man normalerweise fünf Minuten zum Briefkasten und zurück. Kaum hatte sich die Haustür hinter mir geschlossen, war das Chaos bereits vergessen. Ich schlenderte gemächlich und genoss die Stille.
Als ich zurückkam, sah ich, dass meine Frau die beiden Babys im Arm hielt und gleichzeitig versuchte, die zerkauten Kekskrümel wegzureiben, die ihr eins von ihnen aufs T-Shirt gespuckt hatte. Landon stand vor ihr und zupfte an ihrer Jeans, weil er irgendetwas von seiner Mutter wollte. Gleichzeitig half sie den beiden Älteren bei den Hausaufgaben. Mir wurde warm ums Herz vor Stolz, weil es ihr so mühelos gelang, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Ich hielt den Briefstapel hoch und rief: »Ich hab die Post geholt!«
Cat blickte auf. »Was würde ich nur ohne dich machen!«, sagte sie lächelnd.
»Aber das ist doch wohl das Mindeste, was ich tun kann – du brauchst dich nicht bei mir zu bedanken.«
Wie alle anderen Leute bekomme ich jede Menge Werbemüll. Als Erstes musste ich also die wichtigen Briefe von den unwichtigen trennen. Brav bezahlte ich die Rechnungen, blätterte ein paar Zeitschriften durch, und als ich gerade den Rest in die Rundablage unter dem Schreibtisch werfen wollte, fiel mir eine Broschüre ins Auge, die ich ursprünglich als Junkmail klassifiziert hatte. Sie kam von der Organisation ehemaliger Studenten der University of Notre Dame und warb für eine »Reise in die Welten der Himmelsanbeter«. Der Untertitel lautete »Zwischen Himmel und Erde«, und die Reise sollte rund um den Globus gehen, drei Wochen lang, im Januar und Februar 2003.
Interessant, dachte ich und überflog den Text. Die Reise – in einem Privatjet, ganz schön nobel – führte zu den Ruinen der Maya in Guatemala, zu den Inka-Ruinen in Peru, den riesigen Steinfiguren auf den Osterinseln und zu den polynesischen Cook-Inseln. Ebenfalls auf dem Plan standen: ein Aufenthalt am Ayers Rock in Australien; Angkor Wat, die »Killing Fields« und das Tuol-Sleng Holocaust-Museum in Phnom Penh, Kambodscha; das Grabmal Tadsch Mahal und die Bergfestung Amber Fort in Indien; die Felsenkirchen in Lalibela, Äthiopien; das Hypogäum von Hal Saflieni und andere antike Tempel auf Malta. Und schließlich sollte es nach Tromsø in Norwegen gehen, eine Stadt rund fünfhundert Kilometer nördlich vom Polarkreis, wo man – sofern das Wetter es zuließ – das Nordlicht würde bewundern können.
Schon als Kind hatten mich alte Kulturen und ferne Länder fasziniert, und während ich die Beschreibungen der einzelnen Stationen las, dachte ich stets aufs Neue: »Dahin wollte ich schon immer mal fahren!« Dieses Programm bot die einmalige Gelegenheit, zu all den Orten zu reisen, die mich seit frühester Jugend beschäftigten. Mit einem abgrundtiefen Seufzer legte ich den Prospekt beiseite. »Vielleicht irgendwann später …«
Im Augenblick hatte ich dafür absolut keine Zeit. Drei Wochen ohne die Kinder? Ohne meine Frau? Ohne meine Arbeit?
Unmöglich! Hirnverbrannt, absurd! Ich brauchte gar nicht darüber nachzudenken. Weg damit! Ich schob die Broschüre unter den Stapel.

Das Problem war nur, dass mich der Gedanke an die Reise nicht losließ.
Eines steht fest: Ich bin Realist. Bisher hatte ich gedacht, dass Cat (so nenne ich Cathy oft) und ich es durchaus irgendwann mal schaffen würden, zum Tadsch Mahal und nach Angkor Wat zu reisen. Dass wir jedoch zu den Osterinseln, nach Äthiopien oder in den Dschungel von Guatemala fahren würden, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Diese Orte waren so weit weg von allem, und außerdem gab es auf der Welt noch so viele andere Dinge zu sehen – da wusste ich, dass die Kategorie »Vielleicht irgendwann später …« gleichbedeutend war mit »am Sankt-Nimmerleins-Tag«.
Aber hier bot sich die Chance, alles in einem Schwung zu erledigen. Zehn Minuten später – nachdem der Lärm im Wohnzimmer genauso rätselhaft verstummt war, wie er begonnen hatte – stand ich mit meiner Frau in der Küche. Den Prospekt hatte ich auf die Arbeitsplatte gelegt, und wie ein kleiner Junge, der vom Sommerlager schwärmt, erzählte ich ihr von den Höhepunkten der Reise. Meine Frau, die sich längst an meine Schnapsideen gewöhnt hatte, hörte mir wie immer geduldig zu, und als ich fertig war, nickte sie.
»Mhm.«
»Ist das ein Ja-Mhm oder ein Nein-Mhm? Ich kann das bei dir bis heute nicht unterscheiden.«
»Keins von beidem. Ich habe mich nur gefragt, warum du mir diesen Prospekt zeigst. Für uns ist das doch auf keinen Fall machbar.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Aber irgendwie dachte ich, es würde dich interessieren.«
Meine Frau kennt mich besser als alle anderen Menschen auf der Welt, und sie spürte genau, dass mehr dahinter steckte.
»Mhm«, machte sie wieder.
Zwei Tage später unternahmen wir einen Spaziergang durch unser Wohnviertel. Unsere älteren Söhne gingen vor uns, die anderen drei saßen in ihren Buggys. Ich kam wieder auf das Thema Weltreise zu sprechen.
»Ich habe noch mal über den Prospekt nachgedacht«, sagte ich betont beiläufig.
»Welchen Prospekt?«
»Den über die Weltreise. Du weißt doch – ich hab ihn dir vorgestern gezeigt.«
»Und was hast du konkret gedacht?«
»Na ja …« Ich holte tief Luft. »Würdest du so was gern machen?«
Sie antwortete erst nach ein paar Schritten. »Natürlich würde ich das gern machen«, sagte sie. »Es klingt absolut verlockend, aber es ist unmöglich. Ich kann die Kinder nicht drei Wochen lang allein lassen. Was wäre, wenn etwas passieren würde? Nicht mal im äußersten Notfall könnten wir schnell zurückfahren. Wie oft muss man zum Beispiel das Flugzeug wechseln, um zu den Osterinseln zu kommen? Lexie und Savannah sind noch so klein, sie brauchen mich. Alle brauchen mich …« Sie verstummte für einen Moment. »Andere Mütter können so was vielleicht. Ich kann es nicht.«
Ich nickte. Im Grund hatte ich ihre Antwort schon im Voraus gekannt.
»Und wenn ich fahren würde?«
Sie warf mir einen kurzen Blick zu. Wegen meiner Arbeit war ich häufig unterwegs, zwei, drei Monate im Jahr auf Lesereisen, und das war für die Familie nicht einfach. Zwar bin ich nicht immer bereit, mich kopfüber ins allgemeine Kindergetümmel zu stürzen, aber völlig nutzlos und überflüssig bin ich im Alltag auch nicht. Cat hat viele Termine, derentwegen sie aus dem Haus geht: Sie verabredet sich mit ihren Freundinnen zum Frühstück, sie übernimmt ehrenamtliche Aufgaben in der Schule, sie geht ins Fitnessstudio, spielt mit ein paar Frauen Karten oder macht Besorgungen – wir wissen beide, dass sie das unbedingt braucht, damit ihr nicht die Decke auf den Kopf fällt. In solchen Situationen mausere ich mich dann zum allein erziehenden Vater. Aber während ich auf Reisen bin, wird es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich für sie, das Haus zu verlassen. Das ist nicht besonders gut für ihr Allgemeinbefinden.
Außerdem genießen es unsere Kinder, wenn wir beide anwesend sind. Solange ich weg bin, steigert sich das Chaos im Haus noch um ein Vielfaches – wie man sich mühelos vorstellen kann. Als müsste die durch meine Abwesenheit entstandene Lücke ausgefüllt werden. Daher brauche ich wohl kaum ausführlich zu erläutern, dass meine Frau diese Reisen nicht besonders schätzt. Sie weiß, dass sie zu meiner Arbeit gehören, und stellt sie nicht infrage, aber man könnte nicht behaupten, dass es ihr passt.
Deshalb hatte es mich einige Überwindung gekostet, diese Frage zu stellen.
»Ist es dir wirklich so wichtig?«, wollte sie wissen.
»Nein«, erwiderte ich ehrlich. »Wenn du dagegen bist, lass ich es sein. Aber Lust hätte ich schon.«
»Und würdest du allein reisen?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich dachte an Micah.« Micah ist mein Bruder.
Eine Weile lang gingen wir schweigend weiter. Dann schaute Cat mir in die Augen und sagte: »Ich finde, das ist eine tolle Idee.«

Ich traute meinen Ohren nicht, aber sie meinte es ernst. Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, eilte ich gleich in mein Arbeitszimmer, um meinen Bruder in Kalifornien anzurufen.
Ich hörte das Telefon klingeln. Es klang weiter weg als bei anderen Leuten: Micah ging nie an seinen Festnetzapparat. Wenn ich mit ihm sprechen wollte, musste ich seine Handynummer wählen.
»Hallo, Nicky!«, rief er vergnügt. »Was gibt’s?«
Mein Bruder sieht am Display, wer anruft. Und er nennt mich immer noch so wie früher. Bis zur fünften Klasse hieß ich Nicky.
»Ich habe etwas gefunden, was dich bestimmt interessiert.«
»Schieß los!«
»Also, neulich habe ich einen Prospekt zugeschickt bekommen … ach, ich fall am besten gleich mit der Tür ins Haus: Ich wollte dich fragen, ob du Lust hättest, im Januar mit mir eine Weltreise zu machen.«
»Was – eine Weltreise?«
Anhand der Broschüre schilderte ich ihm ausführlich die Highlights der Reise. Als ich fertig war, herrschte am anderen Ende der Leitung atemlose Stille.
»Ist das dein Ernst?«, fragte Micah schließlich. »Und Cat lässt dich gehen?«
»Ja – hat sie gesagt.« Ich zögerte. »Hör zu, ich weiß, das ist eine schwierige Entscheidung, die man nicht übers Knie brechen sollte, und du brauchst mir nicht sofort zu antworten. Ich wollte nur, dass du schon mal anfängst, darüber nachzudenken. Du musst es ja auch erst mit Christine besprechen. Drei Wochen sind eine lange Zeit.«
Christine war die Frau meines Bruders. Im Hintergrund hörte ich das niedliche Krähen ihrer neugeborenen Tochter Peyton.
»Sie findet das garantiert in Ordnung. Aber ich werde sie selbstverständlich fragen. Dann melde ich mich wieder.«
»Soll ich dir den Prospekt schicken?«
»Ja, klar – ich muss schließlich ganz genau wissen, wohin die Reise gehen soll, oder?«
»Ich schicke ihn heute noch ab«, sagte ich. »Und weißt du was, Micah?«
»Was?«
»Das wird die Reise unseres Lebens.«
»Das glaube ich auch, kleiner Bruder.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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