"Nackt" ist im eigentlichen Sinne kein Roman. Es handelt sich vielmehr um die persönlichen Erinnerungen von Diablo Cody, bekannt geworden durch ihr mehrfach mit Preisen ausgezeichnetes Drehbuch für den Film "Juno". Im Mittelpunkt steht ein Jahr im Leben der 24-jährigen Cody, in dem sie sich von einer unzufriedenen Büroangestellten nach und nach in eine Stripperin "verwandelt".
"Nackt" erschien bereits 2005 in den USA unter dem Titel "Candy Girl. A Year in the Life of an Unlikely Stripper". Offenbar dachten sich die Verlagsverantwortlichen, dass man mit einem etwas provokanteren Titel und einem Buchdeckel in knalloranger Aufmachung mehr Kunden zum Kauf animieren kann. Das ist aus meiner Sicht relativ durchsichtig und das Buch hat diese Effekthascherei auch nicht nötig.
Zwar erfüllt Diablo Cody die Erwartung an den deutschen Titel mit vielen physisch wie psychisch "nackten" Episoden aus dem Leben einer Stripperin, doch sind ihre Schilderungen dabei sicher alles andere als erotisch oder verherrlichend. Stattdessen zeichnet sie ein schonungsloses Bild einer komplett gewinnorientierten, gnadenlosen und harten Branche, in der das Individuum nicht zählt und eine Frau nichts wert ist. Mit einem mal zynischen, mal humorvollen und oft selbstironischen Ton führt Cody den Leser durch verschiedene Striplokale in Minneapolis, beobachtet dabei ihre Kolleginnen, die Kunden und die Besitzer und stellt sich immer wieder die Frage, warum sie selbst überhaupt zu diesem Geschäft dazugehören möchte.
Was Cody zweifellos gelingt, ist ein interessanter, sehr reflektierter Einblick in das Geschäft der Striplokale mit der "Ware Frau". Dafür wählt sie den sehr passenden Ausdruck "billiges All-you-can-eat-Mädchen-Buffet, an dem sich der Gast bedienen kann".
Das Buch hat seine stärksten Momente, wenn Cody aus der Beobachterperspektive erzählt. Sobald es jedoch um sie selbst und ihren eigenen Antrieb, also letztlich um den Blick nach Innen geht, wird der Leser sozusagen "an der langen Leine gehalten". Desto mehr Seiten gelesen sind, umso mehr drängt sich die Frage auf, warum sich eine derart reflektierende Frau das Strippen "angetan" hat. Was dann auf den letzten zehn Seiten als Erklärung folgt, klingt zwar einleuchtend, aber nach knapp 260 Seiten hätte ich mir doch etwas mehr erwartet. Das trübt den ansonsten guten Eindruck dann leider doch ein wenig.