- Gebundene Ausgabe: 399 Seiten
- Verlag: Fischer (S.), Frankfurt (1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3100894057
- ISBN-13: 978-3100894052
- Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 14,6 x 3,2 cm
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Wie Soziobiologen die Kultur missverstehen
«Wir wollen erklären, wie es kommt, dass das Universum viele herrlich gestaltete Dinge enthält. Nach Darwins gefährlicher Idee sind sie alle die Früchte eines einzigen Lebensbaums, und die Prozesse, die jedes einzelne davon hervorgebracht haben, sind im Grundsatz immer die gleichen.» Daniel C. Dennett, von Haus aus Philosoph, möchte das Prinzip von Mutation und Adaption als letzten Algorithmus für alles Leben, also auch für die Leistungen der Kultur, festschreiben. Dieser Anspruch ist ernst gemeint, und der Begründer der Soziobiologie, Edward O. Wilson, war sogar der Meinung, die Soziologie insgesamt beerben, das heisst zugunsten biologischer Erklärungsmuster abschaffen zu können.
Dennett eignet sich für dieses Unternehmen deswegen kaum als Gewährsmann, weil er eine zu einfache Sicht Darwins präsentiert und in seinen kulturellen Betrachtungen mehr kalauert als argumentiert. Seriöser präsentiert sich Franz M. Wuketits in seinem Buch «Soziobiologie. Die Macht der Gene und die Evolution sozialen Verhaltens». Weil es sich hier um eine Art Lehrbuch handelt, kann man daran Stärken und Schwächen der Soziobiologie besonders gut ablesen und masslose Ansprüche: «Wir werden gewiss noch in die Lage kommen, spezifische Gene zu lokalisieren und zu beschreiben, die die komplexeren Formen des Sozialverhaltens bestimmen.» Zu den Stärken des soziobiologischen Denkansatzes gehört die Einsicht, dass die Welt der Tiere von der der Menschen nicht so verschieden ist, wie dies Descartes gelehrt hatte. Seine Theorie, nach der Tiere leidensunfähige Maschinen seien, lieferte für die Misshandlung der Tiere das intellektuelle Alibi. Die Soziobiologie korrigiert diese Sichtweise und rehabilitiert damit die Tiere als Wesen mit Empfindungen. Umgekehrt kann sie aus der Verwandtschaft des Menschen mit den Tieren Gesichtspunkte ableiten, von denen aus einige Formen unseres Verhaltens in interessanter Beleuchtung erscheinen.
Aber reichen solche Einsichten schon aus, um damit unsere Gesellschaft zu «erklären»? Soziobiologen glauben das, und sie verbinden damit ein einsichtiges Anliegen. Sie möchten Illusionen über die menschliche Moral zerstören. Deutlich hat dies Lyall Watson in seinem Buch über die «Naturgeschichte des Bösen» hervortreten lassen: Wir müssten an der Menschheit verzweifeln, wenn wir ihre destruktiven Kräfte nicht irgendwie als etwas auffassen könnten, das bereits seinen Lauf in der Natur genommen hat und daher anders beurteilt werden muss als rein moralisch.
Alle Soziobiologen als Vorläufer kann man auch Konrad Lorenz oder Desmond Morris dazurechnen eint die Annahme, dass die Moralsysteme der unterschiedlichen Kulturen als Massstab für die Bewertung der Natur nicht taugten, sondern dass diese in gewisser Weise «moralfrei» sei. Die Tatsache, dass Tiere sich gegenseitig fressen, lasse sich nicht nach dem Gut-Böse-Schema bewerten. Daher solle man sehr genau danach fragen, unter welchen Bedingungen unsere Moral als Bewertungsmassstab angemessen sei und wann nicht.
Watson überlegt nun, dass die Natur immer schon ihre eigene Negation in sich trage, und zählt sogar die materieverschlingenden Schwarzen Löcher im Weltall dazu. Diese wiederum seien notwendig, um für eine kosmische Stabilität zu sorgen. Entsprechend argumentiert er in bezug auf andere «Nachtseiten» wie die Aggressionen, unnötige Grausamkeiten auch unter Tieren und natürlich den Tod, um sich auf die Seite all jener Evolutionsbiologen zu stellen, die den Sinn allen Geschehens im Voranschreiten der Evolution oder zumindest in der Stabilisierung ihrer Schöpfungen sehen. Auch wenn Watson beispielsweise Vergewaltigungen in Kriegszeiten aus moralischen Gründen verurteilt, wirkt seine Argumentation wie eine in die Natur verlegte Theodizee, die die Opfer ganz gewiss nicht trösten wird.
Während bei Watson unklar bleibt, wo die Natur endet und die Kultur beginnt, will Wuketits von einer Trennung gar nichts mehr wissen. «Die Soziobiologie hier: Humansoziobiologie geht davon aus, dass sich die Spezies Mensch in langen Zeiträumen zu dem entwickelt hat, was sie heute ist, und dass für diese Entwicklung grundsätzlich dieselben Faktoren massgeblich sind, die auch die Evolution der anderen Arten bestimmen, also im wesentlichen genetische Neuordnung, Mutation und natürliche Auslese.»
Hier scheint wieder der Ehrgeiz durch, der auch Dennett umtreibt. Auch in der Kultur sollen die wahren Herrscher die Gene sein, wie Richard Dawkins vor Jahren meinte plausibel machen zu können. Demnach geht es jedem Menschen, ob er es weiss oder nicht, um seinen «Reproduktionserfolg». Er möchte also möglichst viele gesunde und kräftige Nachkommen. Tatsächlich berichten Historiker und Ethnologen von Volksstämmen, in denen die mächtigsten Männer auch die meisten Frauen und entsprechend reiche Nachkommenschaft besassen, doch lässt sich beim besten Willen nicht behaupten, dass in unserer Gesellschaft Künstler und Wissenschafter, Politiker und Manager ihre Leistungen erbringen, um ganze Heerscharen von Frauen anzulocken, mit denen sie dann Kinder haben. Soziobiologen lassen sich aber durch diese offensichtliche Tatsache nicht irritieren, denn es gibt ja noch die Sexualität. Wuketits sieht in der Sexualisierung unserer Kultur einen Beleg für die ungebrochene Macht des Fortpflanzungstriebes. Genau die gegenteilige Ansicht wäre richtig. Denn die Sexualität hat sich von der Fortpflanzung emanzipiert.
Die Liste der Irrtümer und Absurditäten deckt sich genau mit der Themenliste der Soziobiologen. So erläutern sie die Fremdenfeindlichkeit insofern als etwas «Natürliches», als die ursprünglichen Jäger- und Sammlergemeinschaften eben auch klein und überschaubar gewesen seien. Dass es Fremdenfeindlichkeit und gruppenspezifischen Abschluss nach aussen gibt, wird man nicht leugnen wollen und können, aber wenn Soziobiologen wenigstens die eine oder andere soziologische Studie zur Kenntnis nähmen, könnten sie erkennen, dass die Frage, wie unterschiedliche Ethnien miteinander auskommen, von einer Fülle sozialer Faktoren abhängt, die genau betrachtet werden will.
Die Menschheit hat ein eigenes System symbolischer Kommunikation entwickelt, das sich nicht auf das Streben der Gene nach Fitness und entsprechender Nachkommenschaft zurückführen lässt. Vielmehr verfügt die Sprache über andere Möglichkeiten als das genetische Erbe. Indirekt zeigt sich das auch an der Möglichkeit, dass die Menschheit mit ihrer Technik ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Dies sei nicht eben ein Beleg für die soziobiologische These von der Anpassung, bemerkt Niklas Luhmann.
Die Soziobiologie meint, die Kultur als selbsttragende Konstruktion hänge in der Luft, wenn sie nicht stammesgeschichtlich untermauert wird. Besonders deutlich wird dies an ihrer Auseinandersetzung mit der Ethik. Diese erscheint ihr als vage, wenn sie nicht auf etwas so Solides wie das «Streben» der Gene gestützt werden kann. Die Soziobiologen machen denselben Fehler wie alle Materialisten, die nicht begreifen, dass ihre Theorien selbst schon geistige Produkte sind. Wirtschaftliche Effizienzkalkulationen werden von Soziobiologen auf die Natur angewendet, wobei sie so tun, als hätte die Natur ihnen diese Berechnungen verraten. Ohne es zu wissen, folgen sie soziologisch der populären, aber umstrittenen Rational Choice Theory (NZZ 25. 1. 97). Dass sie sich mit ihren Ideen in einem bestimmten kulturellen Kontext bewegen, entgeht ihnen. Was sie betreiben, ist keine Soziobiologie, sondern bestenfalls Soziometaphysik allerdings ohne kluge Metaphysiker. Kurzum: Die Soziobiologie ist keineswegs, wie Wuketits nahelegt, eine «Brücke zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften». Dazu müsste sie zumindest die letzteren erst einmal studieren.
Stephan Wehowsky
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