Mit dem Titel »Nachtschwimmen im Rhein« verhält es sich wie mit dem Thema dieser Sammlung von Kurzgeschichten: Auf den ersten Blick mag das Nachtschwimmen im Rhein gemütlich, schön, vielleicht romantisch wirken - bis zu dem Zeitpunkt, an dem man sich über die Verschmutzung des Wassers klar wird :).
Die Geschichten sind so ähnlich aufgebaut: »Deutsch-Chinesische Liebesgeschichten«, bei denen es meistens um eine (junge) Chinesin geht, die in Deutschland einen deutschen Mann kennen lernt. Zuerst mag diese Konstellation vielleicht exotisch anmuten, aufgrund der kulturellen Unterschiede spannend ... doch was darunter zum Vorschein kommen kann, wird in diesen exemplarischen Geschichten nicht sehr aufbauend geschildert: kulturelle Missverständnisse und Ignoranz sowie kulturelle Arroganz, Sprachlosigkeit, Schweigen, Gewalt, das Gefühl, verloren, ungeliebt und ausgenutzt worden zu sein.
In nahezu allen der fünf Geschichten herrscht ein überwiegend düsterer Ton, nicht alle beglücken den Leser mit dem, was im klassischen Sinne als »Happy End« bezeichnet werden kann. Sogar eher die wenigsten.
Die deutschen Männer handeln im Großteil der Geschichten nicht so, wie man als solcher gedacht oder gehofft hat. Von den viel gepriesenen westlichen Werten bleibt auf der persönlichen, familiären Ebene nicht viel übrig. Das sind aber genau die Ebenen, auf denen die Geschichten spielen: Es sind keine außergewöhnlichen oder unwahrscheinlichen Geschichten, sondern ganz kleine, alltägliche Beziehungen, bei denen es z.B. um Ungereimtheiten bei der Erledigung der Hausarbeiten geht oder um Treuebruch.
Im Nachwort ist zu lesen, dass die Autorin diese Geschichten zu Beginn ihres Lebens in Deutschland geschrieben hat, um ihren chinesischen Landsleuten ein Bild von Deutschland zu vermitteln. Das Bild, das in diesen Geschichten überliefert wird, stimmt einen dabei nachdenklich. Sind wir (hier) wirklich so? (Andererseits kommen die chinesischen Männer auch nicht gerade besser weg.)
Natürlich bleiben die Geschichten Fiktion. Und einige Verhaltensmuster bleiben sicher die Ausnahme. Aber das ändert nichts daran, dass das Geschilderte so wahrscheinlich immer mal wieder passiert ...
Inhaltlich konnten mich die Geschichten also überzeugen. Licht und Schatten wechseln sich ab, der dunklen und von Problemen überschütteten Seite wird allerdings mehr Platz eingeräumt. Sprachlich dagegen konnte ich mich mit ihnen nicht ganz anfreunden. Der Stil ist überaus knapp gehalten und mutet häufig sogar etwas naiv an. Das wird mit Sicherheit auch dadurch verstärkt, dass sie allesamt im Präsens (bzw. in der Vergangenheit Geschildertes im Perfekt) geschrieben sind. Ich bevorzuge Geschichten im Präteritum.
Positiver Nebeneffekt dabei ist, dass man ein wenig das Gefühl hat, man verfolge wirklich die Geschichten von Menschen, die Deutsch noch nicht umfassend sprechen. Somit wirkt der Stil authentisch (wenngleich er natürlich grammatikalisch korrekt ist und es keine Ich-Erzählerinnen gibt). Dieser Effekt wird im Negativen allerdings wieder damit neutralisiert, dass der Inhaltsangaben ähnliche Stil sehr distanziert wirkt.
Wem dieses Buch gefallen hat oder wer sich für die Thematik interessiert, mit Kurzgeschichten/Erzählungen jedoch nichts anfangen kann, der sollte vielleicht auch mal einen Blick in Xiaolu Guos
Kleines Wörterbuch für Liebende werfen. Einen Roman, der sich mit derselben Thematik in England befasst.