Jeffrey Deaver ist der Leserschaft vor allem als Schöpfer des genialen Ermittlerduos Lincoln Rhyme und Amelia Sachs bekannt und hat mit der Profilerin Kathryn Dance einen durchaus gelungenen Ableger der Serie geschaffen.
"Nachtschrei" ist nun ein vollkommen eigenständiger Thriller, der - um es gleich vorweg zu nehmen - durchaus spannend ist und einen an sich klassischen und schon vielfach zu Grunde gelegten Plot interessant variiert, der aber leider in weiten Bereichen sehr konstruiert und damit eher unglaubwürdig wirkt. Und dies schmälert deutlich das Lesevergnügen, obwohl Deaver, der ja bekannt für seine unerwarteten Wendungen und Finten ist, auch hier mit einigen Überraschungsmomenten aufzuwarten weiß. Trotzdem fällt "Nachtschrei" ein gutes Stück gegenüber seinen bisherigen Werken ab, bietet aber trotzdem gute Spannung und kurzweiliges Lesevergnügen. Ich halte 3 Sterne als Bewertung für durchaus angemessen.
Deputy Brynn McKenzie wird ganz kurzfristig zu einem einsamen Ferienhäuschen in den einsamen Wäldern rund um den Lake Mondac gerufen. Von dort ist ein vollkommen abgehackter mysteriöser Hilferuf eines Pärchens eingegangen. Als Brynn bei dem Ferienhaus ankommt, findet sie die Beiden ermordet auf sowie deren Freundin Michelle, die sich von den beiden Mördern unbemerkt im oberen Stockwerk versteckt gehalten hat. Es beginnt eine atemberaubende Hetzjagd durch die undurchdringlichen Wälder, bei der Brynn und Michelle immer wieder von den beiden Mördern aufgespürt werden. Doch ein weitere mysteriöser Killer ist involviert und als die beiden Frauen auf ihrer Flucht über ein geheimes Drogenlabor stolpern, spitzt sich die Situation dramatisch zu, während sich die Frage nach dem "warum?" und dem eigentlichen Auftraggeber immer mehr in den Vordergrund drängt.
Es ist wie schon geschrieben kein vollkommen neuer Plot, den Deaver hier zu variieren versucht. Held bzw. Helden auf der scheinbar hoffnungslosen Flucht vor unbekannten Mördern, ohne genau zu verstehen, wieso sie hier so gejagt werden. Doch in der Tat ist diese Variation nicht wirklich überzeugend gelungen. So bleibt dem Leser nicht wirklich erschlossen, wieso es Brynn und Michelle nicht schaffen, in diesen doch so unendlich großen und einsamen Wäldern sich zu verstecken, gleichzeitig die beiden Verfolger ein ums andere Mal im letzten Augenblick einen Zugriff verpatzen. Allerdings sind die absolut unerwarteten und genialen Wendungen im letzten Drittel von "Nachtschrei" ein absolutes Highlight und entschädigen für das voran vermurkste. Denn wie immer bei Deaver ist nichts so, wie es scheint.
Daher gebe ich 3 Sterne und kann das Buch, das als Taschenbuch eh nicht die Welt kostet, trotzdem guten Gewissens empfehlen. Denn ein mittelmäßiger Deaver ist immer noch ein erstklassiger Thrillerautor.