Der Film: Es ist unübersehbar, dass es sich um keinen sonderlich guten Film handelt. Dies ist bestimmt nicht die definitive filmische Version des Romans von Bram Stoker (gleiches gilt auch für die Coppola-Version aus dem Jahre 1992, wenn auch aus völlig anderen Gründen). Der Film wirkt überwiegend billig und kann dem Anspruch, den Roman authentisch auf die Leinwand zu bringen, nicht gerecht werden. Spannende Stellen bzw. Höhepunkte des Romans werden nur ungenügend dargestellt. Es ist im Rahmen dieser Besprechung unmöglich, auf alle Unzulänglichkeiten einzugehen. Drei Beispiele sollen genügen: Die Attacke der Vampirfrauen auf Johathan Harker. Eine der interessantesten Stellen im Buch, in Hammers "Dracula" aus dem Jahre 1958 sehr effektiv umgesetzt. Hier bleibt alles seltsam blutleer, nichts ist vorhanden von dem unbändigen Zornesausbruch Draculas, wie ihn Christopher Lee hätte darstellen können, schliesslich hatte er es in 1958 bereits bewiesen. Lucys Pfählung ist ebenfalls ohne Sinn für Dramaturgie umgesetzt worden. Und das, was im Roman die Begegnung mit einem Heer von Ratten ist, die Dracula den Eindringlingen in seinem Haus entgegenhetzt, ist im Film eine unfreiwillig komische Szene, in der ausgestopfte Tiere schlicht und einfach per Hand "animiert" werden. Was in Francos "Necronomicon" noch funktionierte (wo Schaufensterpuppen auf die gleiche Art und Weise bewegt werden), klappt hier nicht. "Necronomicon" ist ein durch und durch surrealistischer Film, bei "Nachts, wenn ..." wirkt dies alles leider nur lächerlich (interessant, dass Franco diese Szene für gelungen hält - siehe seinen Kommentar in der Featurette).
Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass diese Verfilmung gänzlich uninteressant ist. Bis zum Sturz Jonathan Harkers aus Draculas Schloss hat der Film zahlreiche Szenen mit einer guten Atmosphäre, auch die späteren Szenen mit Lucy und Dracula sind grösstenteils gelungen. Hätte der gesamte Film dieses Niveau, könnte man ihn als gelungen bezeichnen. Ausserdem erhielt hier Christopher Lee endlich einmal die Gelegenheit, Dracula wie im Buch beschrieben darzustellen, nämlich als eine Figur mit einer langen, bewegten Vergangenheit als Edelmann und Feldherr, von der er in einem langen Monolog (wie im Buch) seinem Gast Johathan Harker berichtet. Endlich ist Dracula mehr als nur ein eindimensionaler Bösewicht, wie das in so vielen anderen Filmen der Fall ist.
Die Extras: Die Liste der Extras liest sich zunächst sehr imposant. Das grösste Interesse hatte ich dabei an dem Audiokommentar von Fred Williams. Dieser ist auch interessant, leider kann ich aber eine gewisse Entäuschung nicht verbergen. Über den Film selbst wird vergleichsweise wenig geredet, FW lässt sich zum Beispiel lieber über seine Erfahrungen mit Federico Fellini aus und erzählt Anekdoten aus dessen und anderen Filmen. Gerne hätte ich mehr über die Zusammenarbeit bei diesem Film mit Jess Franco und den anderen Schauspieleren erfahren, die Kommentare sind jedoch in der Regel eher knapp, bei Paul Muller wird FW auffallend einsilbig. Man merkt dem Kommentar an, dass seit den Dreharbeiten sehr viel Zeit vergangen ist und dies nur eine weitere Rolle für FW war, dass er weder zu der Rolle, zum Roman, noch zu dem Film einen besonderen Bezug hat.
Was die übrigen Extras angeht, Featurette mit Jess Franco, Interview mit Jack Taylor, Texte über Soledad Miranda und Klaus Kinski, so kenn ich vieles davon bereits. Die Featurette erschien bereits auf der im Feburar diesen Jahres in den USA erschienenen DVD dieses Filmes und das Jack Taylor Interview erschien bereits im vergangenen Jahr auf der DVD-Veröffentlichung "Die Jungfrau und die Peitsche", ebenfalls ein Jess Franco Film. Ein weiteres Interview mit JF auf der Disc 2 ist zwar durchaus interessant, hat aber mit dem Film nichts zu tun. Warum man die Super-8-Fassung des Films als weiteres Extra dazugenommen hat, ist mir völlig unklar.
Fazit: Es handelt sich bestimmt um eine gute DVD-Veröffentlichung, die lobenswerterweise Szenen, die in vorherigen deutschen Videoveröffentlichungen dieses Films nicht vorhanden waren, wieder in die deutsche Fassung integriert hat. Wer sich wirklich für den Film interessiert, kann zum Beispiel durch die Featurette viel Interessantes erfahren. Für jemanden wie mich, der sich bereits länger mit Jess Franco Filmen beschäftigt, bietet die DVD jedoch nicht sehr viel neues.