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Bilderbücher über die Nacht
Die Nacht, das ist die Zeit der Träume und Gespenster. Wenn der Mond aufgeht und die Seelen der kleinen und grossen Menschen ihre Flügel ausbreiten, ziehen phantastische Bilder am Horizont auf, deren surrealer Zauber auch in Bilderbuchillustrationen eingefangen ist.
Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da. Kleine Kinder wissen das ganz genau, auch wenn die Erwachsenen ihnen immer das Gegenteil weismachen wollen. Was gäbe es nicht alles zu sehen, wenn man sich nur vom Bett losreissen würde, um durch die Stadt zu spazieren: Rollschuh fahrende Tulpen, Fische, die mit einem Einkaufswagen voller Erdbeeren unterwegs sind, oder eine Ratte im hochgeschlossenen Feiertagsgewand, die mit ihrem Einbaum den Asphalt durchschifft. Nur mit dem Aufstehen und Losgehen allein ist es noch nicht getan. Man muss schon die Augen offenhalten, um all die kleinen Sensationen wahrzunehmen, die am Wegrand warten, so wie der kleine Fons, den Wolf Erlbruch in seinem Bilderbuch «Nachts» an der Hand seines Vaters durch die Strassen einer Stadt wandern lässt. Während der schlaftrunkene Vater dem Sohn minuziös aufzählt, wer denn nun alles schlafe um diese Zeit, in der natürlicherweise nur die Fledermäuse unterwegs seien, erlebt der kleine Knabe mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen in bunten Farben und bizarren Formen unglaubliche Dinge.
Ganz so, als ob ein Blinder einen Sehenden führe, bleibt dem einen die Nacht grau, während dem anderen ganze Märchenwelten sich eröffnen. Ein kleines Meisterwerk ist dieses Bilderbuch, in dem die Bilder den Ton angeben und die Worte auf eine kleine fortlaufende Zeile am unteren Bildrand verwiesen werden. Den phantastischen Inhalten entsprechend hat Erlbruch seine Nachtbilder als Collage angelegt. Personal wie Staffage sind mit eckigen Bewegungen aus Papieren ausgeschnitten, die selbst schon eine eigene Geschichte besitzen. Die Mondsichel besteht aus Landkartenmaterial, die Häsin trägt ein Kleid aus dem Fundus der Infinitesimalrechnungsübungen, und der schillernde Leib des einkaufenden Fisches scheint direkt einem Naturkundebuch entsprungen zu sein. Montiert sind diese Versatzstücke zu Szenarien, die die Proportions- und Perspektivregeln der realen Welt nur noch als ferne Erinnerung mit sich führen, um die Verkehrung des Vertrauten in das Phantastische zusätzlich zu pointieren. Wenn der Illustrator dann noch mit satten, aber gedämpften Farben spitznasige Baumkronen und fliegende Mäuse vor den nachtschwarzen Himmel malt, der über der grau-gelben Stadt sich wölbt, scheint das Land der Träume Wirklichkeit geworden zu sein.
Zwischen Tag und Traum
Zwischen Tag und Traum bewegen sich auch Text und Illustration der Bilderbuch-Débuts von Anke Pitschmann und Eveline Pitschmann-Meier. Zuerst mit Entrüstung, dann voller Verblüffung erlebt in «MondTag» ein kleiner Knabe, wie die Welt aussähe, wenn statt der Sonne tagsüber der Mond am Himmel stünde. Nicht nur die Wahrnehmung der Natur würde sich in ihr Gegenteil verkehren, auch der Umgang mit der Sprache geriete zu einem komplizierten Balanceakt. Und das um so mehr, wenn alle ausser einem selbst es ganz normal finden, dass man bei Tag den Mondschirm aufspannen muss, damit der Mond beim Zeitungslesen nicht blendet, oder der Lehrer die Kinder bei der Waldwanderung mahnt, im Schatten der Bäume zu bleiben, um sich vor dem Mondbrand zu schützen.
Die Schweizer Illustratorin Eveline Pitschmann-Meier hat diese verkehrte Welt in Bilder gefasst, deren traumhaft unwirklicher Charakter vor allem durch einen spielerischen Umgang mit der Perspektive entsteht. Als würde das Geschehen von einem hochgelegenen Ort aus betrachtet, sind die einzelnen Szenen in so steiler Aufsicht oder aus so weiter Entfernung gezeigt, dass die dargestellten Räume weder eine untere noch eine obere Begrenzung zu haben scheinen. Aufrecht aber, wie schwerelos bewegen sich die Menschen in dieser unendlichen, bunt gemusterten Welt. Auf farbigen Grund voller Punkte, Quadrate, Blümchen und Kreise sind ihre Körper gemalt und gezeichnet, wie ausgeschnitten von einer riesigen Schere erscheinen die Landschaften. Und wer am Ende vom Mond noch nicht genug hat, der kann sich das Buch im Dunkeln neben das Bett stellen. Auf dem Umschlag leuchtet dann ein kleines goldenes Rund, bis die Sonne wieder aufgeht.
Das schlafende Gespenst
Wie überhaupt der Mond an den Himmel kam, davon erzählt das leicht moralinsaure Bilderbuch von Coby Hol, «Als der Mond aufging». Dennoch sind die Bilder, in denen sie erzählt, wie die Tiere zur Sonne gehen und sie um ein Licht für die Nacht bitten, in ihrer klaren Einfachheit bemerkenswert. Als seien sie behutsam ausgerissen aus Papier und Stoffbahnen, wirken die Formen, in denen Tiere und Natur Gestalt annehmen. Und auch am Ende, als der Mond seine runde Form verliert, zur Strafe dafür, dass die Tiere sich bei der Sonne nicht gebührend für dieses Geschenk bedanken, erzählen die Bilder in ihrem kontrastreichen farbigen Zusammenspiel eher von der Wandlungsfähigkeit der Natur als von den Konventionen, für die der Text eintritt.
Wenn kleine Kinder nachts nicht schlafen, dann zerrt das nur an den Nerven der Eltern. Wenn aber ein Gespenst mitten in der Nacht in tiefen Schlaf fällt, dann herrscht Alarmstufe rot, die Bahre wird geholt, und ab geht es ins Krankenhaus zur Notfalloperation. «Gespenster Operation» von Jacques Duquennoy ist nicht nur ein überaus witziges Bilderbuch, sondern auch eine hinreissende Persiflage auf die ganze Skalpell-Klammer-Tupfer-Dramatik der im Fernsehen sich seuchenhaft ausbreitenden Arzt-Serien. Dementsprechend «durchsichtig» ist nicht nur die Geschichte, sondern auch die bildliche Gestaltung der Hauptfiguren. Was immer das kleine, auch schon vor seiner Schlafkrankheit von allerlei Malaises wie Masern und Gelbsucht geplagte Gespenst schluckt, um sich zu kurieren, liegt glasklar vor Augen, so hell erhebt sich seine Gestalt vor dem Schwarz der Nacht. So flatterhaft wie sein Wesen ist auch sein Umriss, vom Zeichner liebevoll zittrig gestaltet. Das bekannte Bild, in dem die besorgten Köpfe von vier Gespenster-Ärzten sich im Schein einer kreisrunden Operationslampe über den Patienten beugen und die verheerende Diagnose stellen («inneres Uhrenproblem mit Zeigerverlust»), fehlt selbstverständlich ebensowenig wie das obligatorische Schweissabwischen am Ende und die Spätschäden, die auf dem Fusse folgen. Da sage noch einer, in der Nacht werde geschlafen. Doktor Bobo würde da nur sagen: «Der tickt nicht richtig.»
Ursula Sinnreich
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