Drei Schweizer Seen kommen vor in einem Dokumentarfilm zu C. G. Jung, dessen Todestag sich 2011 zum fünfzigsten Mal jährt: der Vierwaldstätter See, der Züichsee und der Lago Maggiore. Als Kind machte Jung mit dem Vater einen Ausflug auf die Rigi und fühlte sich Gott nahe. Dieser Macht begegnete er wieder in Gestalt eines Phallus, die in einer Höhle auf ihn wartete. Das hat ihn ergriffen und nachhaltig verstört. Als reifer Mann zog er sich für Wochen und Monate zurück an das Ufer des Zürichsee. In Bollingen lebte er in einem Turm, dort wurden für ihn die «Zwischenwände zu den Dingen durchlässig», er war offen für Stein, Pflanze und Tier. Am Lago Maggiore schliesslich scharte der alte Jung regelmässig Gesprächspartner um sich aus den unterschiedlichsten Wissensgebieten ' und begründete damit die interdisziplinäre Tagung, wie wir sie heute kennen und schätzen.
Die drei Seen sind einer von vielen möglichen roten Fäden durch das Leben des Schweizer Seelenarztes. Rüdiger Sünnner hat diese Fäden zu einem kenntnisreichen Film verwoben, der trotz seiner hohen Dichte an Themen und Informationen den Zuschauer nicht überfordert. Vielmehr betätigt sich der erfahrene deutsche Dokumentarfilmer mit Nachtmehrfahrten als kundiger Kapitän, der seine Passagiere mit sicherer Hand zu Inseln und Ufern geleitet, die es zu entdecken gibt. Auch die Untiefen, in die sich Jung zu Zeiten des Nationalismus verirrte, werden nicht ausgspart. Da sehen wir Dokumentar-Bilder, die in ihrer Deutlichkeit fast nicht zu ertragen sind.
Umgekehrt hat sich Rüdiger Sünner nicht davor gescheut, Träume und innere Gestalten zu inszenieren. Künstlerische Zeugnisse von Psychiatrie-Patienten im Burghölzli, eine tanzende Chinesin in einem Traum des Physikers Wolfgang Pauli, eine Bootsfahrt mit Odysee-Lektüre auf dem Zürichsee ' diese Szenen gehören zu den eindringlichsten Momenten eines reichen, inspirierenden Films. Dass darin auch noch Jungianer der ersten Garnitur zu Wort kommen, sei an dieser Stelle einfach nur erwähnt: Verena Kast, Eugen Drewermann und weitere sprechen angenehm unaufgeregt und verdeutlichen das Gezeigte. Ein rundum gelungener und unbedingt zu empfehlender Film.