Einen Stein nach ihren Vorstellungen zu formen, fällt der Bildhauerin Jerusha leicht - doch als sie von einem alten Familienfluch erfährt, weiß sie zunächst nicht wie sie ihr Leben wieder selber bestimmen kann.
Eigentlich soll sie in wenigen Wochen heiraten und möchte nichts mehr, als sich auf ihr wunderschönes Hochzeitskleid und ihre Arbeit konzentrieren - doch der Fluch, der auf ihrem Clan lastet, betrifft auch ihren zukünftigen Mann: die KiTenaro Frauen sind dazu verdammt denjenigen zu verraten, den sie lieben.
Mutig entschließt sie sich auf die Suche nach dem Ursprung des Fluches zu machen und ihn aufzuheben. Doch dass ihr Verlobter Dario sie nicht begleiten, nicht einmal in ihrem Vorhaben unterstützen möchte, ist ein herber Schlag für die 22-Jährige. So muss sie sich ganz alleine auf den Weg machen und trifft dabei auf den erblindeten Elitekrieger Kiéran, in dem sie schnell einen Freund findet.
Gemeinsam reisen sie quer durch die Fürstentümer und sogar über die Grenzen der ihnen bekannten Gegend hinaus in gefährliche Gebiete. Langsam entwickelt sich eine Verbundenheit zwischen den Beiden, die aber durch den Fluch, die Gefahren der Reise und nicht zuletzt auch Jerushas Verlobung immer wieder auf die Probe gestellt wird. Kann die Bildhauerin es schaffen den Fluch aufzuheben und ihr Leben wieder selbst formen?
Zunächst ist es etwas schwierig sich in die Geschichte hinein zu finden durch die ganzen fremdartig klingenden Namen und weil man die Charaktere noch nicht besonders gut einschätzen kann. Zum Glück gibt es vorne im Buch eine Übersichtskarte der Fürstentümer Ouendas und nach einigen Kapiteln fiel es mir leicht mich zu orientieren. Bald erscheinen die klangvollen Namen wie Larangva, Skraelinge oder Cinaya aber schon richtig vertraut und entführen den Leser in eine völlig fremde, abenteuerliche Welt.
Obwohl die Geschichte sich langsam entfaltet, war es immer spannend Jerusha auf ihrer Reise zu begleiten, von ihren Rückschlägen, Schicksalsschlägen und den schönen Momenten zu lesen.
Die junge Bildhauerin und der Krieger wachsen dem Leser schnell ans Herz und man hat das Gefühl die beiden schon ewig zu kennen. Ihre Gedankengänge und Handlungen erscheinen logisch und natürlich - nicht zuletzt dadurch, dass in der Erzählung die Sichtweise immer wieder geändert wird.
Sogar Kiérans Blindheit und sein starker Wille sein Leben selber zu meistern, wird glaubhaft und beeindruckend geschildert.
Detailverliebt und dennoch nicht überladen schildert uns Siri Lindberg eine Welt, die so aufregend andersartig ist, dass man ganz in ihr versinken kann. Es gibt Drachen, Hexen, eigensinnige Pferde und Wesen, von denen man noch nie gehört hat. Mit viel Phantasie wird über die nicht-menschlichen Schattenspringer, Elis Aénor und Halbgötter berichtet, sodass man sich die fremden Kulturen und Wesen ohne Probleme vorstellen kann.
Besonders gefallen hat mir, dass das Buch kein schwarz-weiß-Denken beinhaltete. Die "Feinde", die sich Jerusha auf ihrer Reise in den Weg stellen, haben auch ihre gute Seite und können mitunter warmherzig auftreten. Die "Guten" hingegen haben selber Geheimnisse und sind nicht immer ehrlich, sodass die Geschichte eine realistische Ebene erhält, die das Mitfiebern und -leiden erst möglich macht.
So begleiten den Leser auf seiner Reise an der Seite Jerushas immer ein Hauch von Abenteuer, eine Spur von Exotik und eine Prise Dramatik. Mit "Nachtlilien" hält man ein imposantes Fantasy-Werk für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen in den Händen, das einen über viele Lesestunden hinweg gebannt halten kann.
Ich selber werde mich sicher noch lange an die kleinen Highlights wie das sture Pferd Reyn, die verzauberte Welt der Elis oder die Nachtlilien hinter Jerushas Haus erinnern.
Eine Leseempfehlung für jeden, der gerade den dunklen Wintertagen entfliehen und in eine andere Welt abtauchen möchte!