Ein sehr ruhiges, nachdenkliches Buch.
Saint-Exupéry beschreibt darin einen einzigen Abend, im Südamerika der frühen 30er. Drei Postflieger befinden sich auf dem Weg nach Buenos Aires, der eine aus Chile, der andere aus Paraguay, der dritte schliesslich aus Patagonien kommend. Jener schicksalhafte Dritte sollte Buenos Aires, wo der Europakurier auf die Post wartet, schliesslich nicht mehr erreichen.
Die Erzählung setzt dabei am frühen Abend ein. Unüberstürzt baut sich anschliessend die Handlung auf. Abwechselnd wird aus der Perspektive des Unglückspiloten und aus jener des Leiters des Flugbetriebes, dem wohl insgeheim die ganze Zuneigung des Autors galt, erzählt. Ihre Gedanken werden beschrieben, um schliesslich ein stimmungsvolles Bild zu zeichnen, das dem Leser sehr geschickt den ganzen Hintergrund des Denkens und Fühlens dieser Männer illustriert.
Der Pilot, wenngleich das Steuer in Händen haltend, wird dabei als eigentlich höchst machtlose Figur beschrieben, der sich mit seinem Werkzeug, dem Flugzeug, und seinem Kameraden, dem Funker, Gewalten überantwortet, gegen die er niemals bestehen könnte. Diese Gewalten symbolisieren zugleich das Leben, in dem der Einzelne bestehen muss.
Allein der Leiter des Flugbetriebes, Rivière genannt, ist seinen Piloten Vater und gestrenger Hirte zugleich. Er weiss um den Kampf, den seine Flieger in der Nacht in jedem Augenblick auszutragen zu haben, und er bemüht sich, ihnen das nicht gewahr werden zu lassen. Seine unerbittliche Strenge lässt solche Erkenntnis unter den Piloten gar nicht erst aufkommen, und für Rivière ist das die einzige Chance, in der niemals endenden nächtlichen Pflichterfüllung letztlich erfolgreich zu bleiben.
Und so nehmen die Dinge in dieser Nacht ihren Lauf. Der Patagonienkurier fliegt in eine plötzlich aufkommende, schwere Unwetterfront und verliert darin die Orientierung. Zum Schluss hin muss der Pilot Fabien, der befürchtet bereits gegen die Höhenzüge der Anden anzufliegen, das nahende Ende akzeptieren. Nach ewig erscheinendem Flug geht der Treibstoff aus, und den nahen Absturz vor Augen zieht Fabien sein Flugzeug aus den Wolken hinaus, in die ruhige, klare Nachtluft über der Unwetterfront. Die ewig leuchtenden Sterne vor Augen erwarten Fabien und sein Funker ihr Schicksal.
Rivière indessen erfasst das ganze Ausmass des Unglückes, und die dadurch ausgelöste Gefährdung der Nachtfliegerei, und versteht, dass die Dinge weitergehen müssen, als wäre nichts geschehen. Und in diesem Bewusstsein handelt er, ruhig und überlegt lässt er den Europakurier ohne die Ladung aus Patagonien starten. Einer Ladung, die nie mehr in Buenos Aires eintreffen wird. Und der Europakurier startet in die Nacht hinaus, zu seinem Flug über den atlantischen Ozean.
Sur quinze mille kilomètres le frémissement de la vie aura resolu tous les problèmes...über 15000km wird das Brausen des Lebens alle Zweifel und Fragen gelöst haben.
Dieser Satz, einer der letzten des Buches, verrät vielleicht mehr über den Menschen Antoine de Saint-Exupèry als jeder andere Satz, den er je geschrieben hat.
Ich würde den 'Nachtflug' als sehr gelungene Erzählung charakterisieren, als eine wunderbare Geschichte, und auch als kleines Heldenepos, das sich mit Männern wie Alain Delon, Gérard Depardieu und einigen anderen Franzosen hervorragend verfilmen liesse.
Allein: Besonders philosophisch finde ich es nicht, ich habe auch den kleinen Prinzen nicht als philosophisch empfunden, vielleicht als etwas esoterisch, aber das war es dann auch.
Aber in jedem Fall ein kleines, schönes Buch, wunderbar geeignet für eine längere Zugfahrt, oder einen klirrend kalten Winterabend, wünschenswerterweise am Kamin.
Aber jener ist wohl eine der Errungenschaften, deren Verlust durch die moderne Zivilisation schon der Romantiker Antoine de Saint-Exupéry einst bedauerte.