Das Nachtasyl, eines der Dramen, das Maxim Gorki berühmt gemacht hat, spielt in den untersten Schichten der zaristischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Schon von daher für damals ein unerhörtes Theaterstück. So aber gehört das Stück zu den Anfängen der Moderne in der Kunst. Es macht für den Zuschauer das allmähliche Zerreißen der alten festgefügten feudalen Ordnungen unterm Modernisierungsdruck der industriellen Revolution und den daraus bedingten Verwerfungen gesellschafter und sozialer Natur spürbar und sichtbar.
Das Stück zeigt in der Einfachheit seiner Menschen und Dialoge die Nähe von moralischem Anspruch und sozialer Not, von gesellschaftlichem Abstieg und letzter verzweifelter Hoffnung, aus dem, was ist und man selbst sein möchte, noch ein wenig werthaltiges Leben herauszupressen. So sagt Pepel (S.44): "... du hast keine Seele, Weib ... Eine Frau muß 'ne Seele haben ... Wir Männer sind Tiere ... wir kennen's nicht anders ... uns muß man erst anlernen zum Guten ...". Und Wassilissa antwortet (S. 44): "... vielleicht liebte ich in dir nur ... meine eigene Hoffnung ... meinen Traum ... Verstehst du? Ich hatte gehofft, du würdest mich herausziehen ...".
Die letzte Hoffnung wird auf den anderen gesetzt, der selbst ohne Hoffnung ist. Die Verzweiflung der Menschen und die Kälte in ihren Begegnungen und sozialen Gefügen ist überall im Stück zu spüren. Es ist der Stoff, aus dem sich Revolutionen nähren, auch Katastrophen noch gigantischerer Natur, in die die europäischen Gesellschaften mit dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution eintraten.
So steht das Nachtasyl buchstäblich und wortwörtlich am Beginn einer geschichtlich-politischen Nacht im 20. Jahrhundert, in dem es für die Menschen kein Asyl mehr gibt, sie ohne Nachtasyl weiterkommen müssen, weil keiner mehr auch ein noch so einfaches, auf Dauer prosperierendes Leben garantieren kann.
So wurde Maxim Gorkis Stück zur Vorahnung der Verwerfungen im 20. Jahrhundert, die wenige Jahre später auf die Menschen und Völker zugekommen sind. Insofern ist es bis heute ein ganz modernes Stück, eines, dass die Moderne einläutet und uns noch heute zeigt, wohin Gesellschaften tendieren können, die in einer zerbrechenden Welt desorientiert ohne Ideale und gesellschaftliche Ideen zu leben versuchen und für kommende Katastrophen wenig gerüstet sind.
Meine Bewertung generell lautet: 5 Sterne = absolut herausragend (Weltliteratur oder Tendenz zu Weltliteratur); 4 Sterne = sehr gut, sehr zu empfehlen; 3 Sterne = wirklich gut, zu empfehlen; 2 Sterne = lesenswert, aber nicht ganz überzeugend; 1 Stern = abzuraten.