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Nacht des Verführers
 
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Nacht des Verführers [Taschenbuch]

Lydia Joyce , Gabi Langmack
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Lydia Joyce stellt in diesem Roman ihre Qualitäten als eine besonders raffinierte Autorin erotischer Liebesromane unter Beweis: in einer Geschichte, die so dunkel und verführerisch ist, wie ein Stück zart schmelzender Schokolade!" (Romantic Times )

Kurzbeschreibung

Ein Liebesroman voller Sinnlichkeit und Leidenschaft!

Nachdem sie vergeblich auf eine standesgemäße Partie gehofft hat, reist die schöne Alcyone Carter quer durch Europa, um einen Unbekannten zu heiraten. In der Hochzeitsnacht entdeckt sie, dass der attraktive Mann in ihrem Bett nicht der ist, der er zu sein vorgibt. Und obwohl sie sich leidenschaftlich in den Betrüger verliebt hat, flieht sie. Dumitru folgt ihr bis nach Istanbul, wo neben seiner geliebten Alcyone allerdings auch seine Feinde auf ihn warten ....

Klappentext

"Lydia Joyce stellt in diesem Roman ihre Qualitäten als eine besonders raffinierte Autorin erotischer Liebesromane unter Beweis: in einer Geschichte, die so dunkel und verführerisch ist, wie ein Stück zart schmelzender Schokolade!"
Romantic Times

Über den Autor

Lydia Joyce arbeitete zunächst als Ingenieurin, bevor sie mit der Schriftstellerei ihre wahre Berufung fand. Gemeinsam mit Ehemann und Sohn lebt Lydia Joyce in den Bergen New Mexicos.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Kapitel 1

Alcyone Carter hatte Angst.
Sie saß steif auf dem durchhängenden Rücken des Maultiers und umklammerte fest den Sattelknauf. Ihre Finger hatten Verkrampfung und Schmerz längst hinter sich gelassen und schon den gesegneten Zustand der Taubheit erreicht. Die Zügel, für die sie keine Verwendung hatte, hingen lose herab und schlugen bei jedem Schritt sanft an den Hals ihres Reittiers; es folgte dem Führungsseil, das sich straff in den Nebel spannte. Allein dieses Seil und hin und wieder ein gedämpfter Hufschlag gaben Alcy die Gewissheit, dass ihr unsichtbarer Führer noch vor ihr war, und allein die blinde, verzweifelte Hoffnung ließ sie glauben, dass er eine Vorstellung hatte, wohin sie ritten.
Um sie herum zog die Welt sich zusammen, wurde klein und konturlos wie das Innere eines Eis. Der wirbelnde Nebel verschluckte ihre Füße und hüllte selbst ihre Hände ein, die nur einen guten halben Meter von ihrem Gesicht entfernt waren. Die wenigen schwachen Sonnenstrahlen, welche die dicke Decke durchdrangen, sprangen umher, bis sie sich schließlich in ein spärliches, gleichmäßiges Licht verwandelten, das die Schatten abflachte und jedes Raumgefühl zunichtemachte.
Von hinten drangen die geflüsterten französischen Gebete und das Rattern der Rosenkranzperlen wie das trockene Gescharre von Insektenbeinen an ihr Ohr. Celeste, ihre Kammerzofe, hatte sich schon vor den Maultieren gefürchtet, als sich neben dem schmalen Pfad noch kein jäher Abgrund aufgetan hatte; jener Abgrund war das Letzte gewesen, das sie hatten sehen können, bevor der Nebel sie eingehüllt hatte. Celeste war inzwischen der Hysterie nahe.
Alcy war hin- und hergerissen zwischen Ärger und Neid. Sie war das Lamento der Zofe leid und wünschte doch, auch sie könnte ihre zunehmende Angst hinter theatralischem Gehabe verbergen. Sie fühlte sich hilflos, und – was die Sache nur noch schlimmer machte – sie wusste, dass sie verboten aussah. Sie hatte ihr Reitkostüm jetzt den sechsten Tag in Folge an, und selbst Celestes nächtliche Bemühungen konnten nicht verhindern, dass die zarte graue Seide und die glänzenden Goldborten Schlamm- und Wasserflecken aufwiesen und trotz des Aufbügelns Falten zu sehen waren. Das Kostüm war für zivilisierte zweistündige Ausritte in gut gepflegten Parkanlagen gemacht, nicht für eine endlose Reise durch die Wildnis. Alcys Haar war es bei Wind und Nässe kaum besser ergangen, und Alcy empfand es als persönliche Beleidigung, wie sich ihre Frisur allen Haarnadeln und Bändern widersetzte.
»Wie weit noch?«, rief Alcy auf Deutsch ihrem Führer zu. Ihre Stimme drang schrill und unnatürlich laut durch den toten Nebel. Sie versuchte es noch einmal, um Unbekümmertheit bemüht: »Wann sind wir da? Sie haben gesagt, heute sei der letzte Tag.«
»Jetzt, Fräulein«, wehte die Antwort durch das Weiß.
Alcy spürte plötzlich eine Weite um sich herum, als seien sie über die Felsenklippe hinaus, die ihnen während des Aufstiegs von der einen Seite Schutz geboten hatte. Hatten sie den Gipfelgrat erreicht?
Wie zur Antwort fegte eine Brise durch die träge Luft und zerfetzte den Nebel in lange Streifen, die wie tausend Schleier flatterten. Durch den aufgerissenen Dunst wurde der Führer sichtbar, und Alcy sah ihm zu, wie er sein Reittier zum Halten brachte. Ihr eigenes Maultier trottete noch ein paar Schritte weiter, bevor es Nase an Schweif hinter dem Leittier stehen blieb.
»Warum halten wir an?«, fragte sie, wischte sich das ungebärdige Haar aus den Augen und hasste das nervöse Schrillen ihrer Stimme.
»Geduld«, sagte der Mann teilnahmslos. Er hatte während der letzten sechs Tage jede Frage so teilnahmslos beantwortet.
Alcy hatte keine andere Wahl, also blieb sie sitzen und wartete, spähte durch den Nebel nach einer Spur dessen, was sie erwarten mochte. Die Brise frischte zu einem Wind auf, und sie folgte dem abfallenden Pfad durch die aufklarende Luft mit den Augen bis zu jener Stelle, wo die Felsaufwallung vom dunklen Dickicht des Waldes geschluckt wurde. Sie konnte von ihrem Aussichtspunkt über die ausgezackten Baumwipfel sehen und die gegenüberliegende Seite des Tals ausmachen… und die Burg, die über dem Tal thronte. Sie stand am Rand eines felsigen Abhangs, nur ein wenig höher als der Bergkamm, auf dem sie rasteten, eisengrau und mit jäh abfallenden Mauern, die ausgezahnten Zinnen ungerührt auf den Wald herabgrinsend. Sie wirkte genauso uralt wie die Berge und nicht minder kalt.
»Die Feste Vlarachia«, sagte ihr Führer. Er setzte sein Maultier wieder in Schritt, während Celestes Gebete zu einem panischen Crescendo anschwollen.
Die Feste Vlarachia. Sie endlich zu Gesicht zu bekommen schien Alcy unfassbar, was insofern merkwürdig war, als ihr der Plan ihres Vaters überaus vernünftig und realistisch vorgekommen war, als er ihn ihr vor knapp einem Jahr unterbreitet hatte. Das Vorhaben war ihr auch dann noch praktikabel und – Alcy machte sich da nichts vor – recht romantisch erschienen, als sie die ersten schüchternen Briefe mit jenem Mann gewechselt hatte, der sich ihr als János vorgestellt hatte, derweil ihr Vater unauffällig und so, wie sie es vereinbart hatten, die finanziellen Fragen geregelt hatte. Ein unantastbarer Pflichtteil für die Braut, und der Rest der Mitgift unter der Bedingung der Eheschließung als Treuhandvermögen an den Baron. Mit dieser Sicherheit im Hintergrund hatte sie sich ihren Träumen hingegeben. Weswegen die lange Reise von England nach Wien und von dort die Donau hinab auch vom ersten Augenblick an das strahlende Glitzern eines Mädchentraums besessen hatte, dem weder die hässliche Sorge um das schnöde Geld noch die Anstrengungen der Reise etwas hatten anhaben können. Der Traum war ihr wichtiger gewesen als alles andere in ihrem Leben.
Doch dann, als die Barkasse Orsova erreicht hatte, war über dem Fluss der Nebel aufgestiegen und hatte Alcy in ein undurchdringliches Gefühl der Unwirklichkeit gehüllt. Von dem Augenblick an, als sie auf den Kai getreten war, konnte sie nicht mehr glauben, dass all das auch wirklich geschah. Und das seltsame Duo, das sie am Kai erwartet hatte, hatte dieses Gefühl nur noch verstärkt.
Es wird Sie jemand an den Docks abholen, hatte János ihr in seinem letzten Brief versichert. Und es hatte sie auch wirklich jemand erwartet. Doch János hatte ihr nicht mitgeteilt, dass sie keinen livrierten Kutscher vorfinden würde, der sie das kurze Stück zu einem Herrenhaus oberhalb der Stadt fahren würde, sondern ein grobschlächtiges Paar, das sie in die Tiefen der Wildnis führen würde, und zwar auf dem Rücken eines Maultiers, das Gepäck auf vier Kamele geschnallt – vier richtige Kamele! –, die hinter ihr hermarschierten. Was für ein Jammer, dass Tante Rachel krank geworden und mit ihrer Gesellschafterin und einem Lakaien in Wien zurückgeblieben war. Trotz ihrer Angst bedauerte Alcy, dass ihr die Reaktion von Tante Rachel entging. Der Kameltreiber sprach keine ihr vertraute Sprache, und ihr Führer schien nur wenige Brocken Deutsch zu beherrschen, das er zudem nur widerwillig benutzte – in der Regel, um ihr zu versichern, dass sie ihr Ziel bald erreicht hätten, sehr bald sogar.
Und jetzt stand sie ihm gegenüber.
Als sie wieder in den Wald eintauchten, versank Alcy benommen in einem Gewirr aus Gedanken und Gefühlen; sie war zum ersten Mal verunsichert, ob es klug gewesen war, dem Vorhaben zuzustimmen. Sie fasste reflexartig an ihre Halskette und legte die Finger um das Medaillon. Sie hatte während der letzten vier Monate so viel Zeit damit verbracht, die Miniatur zu betrachten, dass sie sich das Porträt des Mannes als perfekte Reproduktion ins Gedächtnis rufen konnte. In England hatte sie den zarten verschwommenen Goldschimmer, der sein Gesicht umstrahlte, für atemberaubend gehalten, doch jetzt setzten ihr die grotesken Möglichkeiten zu, die sich hinter der Ungenauigkeit des Porträts verbargen.
Sie schob das Bild zur Seite, blätterte stattdessen...

Auszug aus Nacht des Verführers. von Lydia Joyce , Gabi Langmack. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Kapitel 1

Alcyone Carter hatte Angst. Sie saß steif auf dem durchhängenden Rücken des Maultiers und umklammerte fest den Sattelknauf. Ihre Finger hatten Verkrampfung und Schmerz längst hinter sich gelassen und schon den gesegneten Zustand der Taubheit erreicht. Die Zügel, für die sie keine Verwendung hatte, hingen lose herab und schlugen bei jedem Schritt sanft an den Hals ihres Reittiers; es folgte dem Führungsseil, das sich straff in den Nebel spannte. Allein dieses Seil und hin und wieder ein gedämpfter Hufschlag gaben Alcy die Gewissheit, dass ihr unsichtbarer Führer noch vor ihr war, und allein die blinde, verzweifelte Hoffnung ließ sie glauben, dass er eine Vorstellung hatte, wohin sie ritten. Um sie herum zog die Welt sich zusammen, wurde klein und konturlos wie das Innere eines Eis. Der wirbelnde Nebel verschluckte ihre Füße und hüllte selbst ihre Hände ein, die nur einen guten halben Meter von ihrem Gesicht entfernt waren. Die wenigen schwachen Sonnenstrahlen, welche die dicke Decke durchdrangen, sprangen umher, bis sie sich schließlich in ein spärliches, gleichmäßiges Licht verwandelten, das die Schatten abflachte und jedes Raumgefühl zunichtemachte. Von hinten drangen die geflüsterten französischen Gebete und das Rattern der Rosenkranzperlen wie das trockene Gescharre von Insektenbeinen an ihr Ohr. Celeste, ihre Kammerzofe, hatte sich schon vor den Maultieren gefürchtet, als sich neben dem schmalen Pfad noch kein jäher Abgrund aufgetan hatte; jener Abgrund war das Letzte gewesen, das sie hatten sehen können, bevor der Nebel sie eingehüllt hatte. Celeste war inzwischen der Hysterie nahe. Alcy war hin- und hergerissen zwischen Ärger und Neid. Sie war das Lamento der Zofe leid und wünschte doch, auch sie könnte ihre zunehmende Angst hinter theatralischem Gehabe verbergen. Sie fühlte sich hilflos, und - was die Sache nur noch schlimmer machte - sie wusste, dass sie verboten aussah. Sie hatte ihr Reitkostüm jetzt den sechsten Tag in Folge an, und selbst Celestes nächtliche Bemühungen konnten nicht verhindern, dass die zarte graue Seide und die glänzenden Goldborten Schlamm- und Wasserflecken aufwiesen und trotz des Aufbügelns Falten zu sehen waren. Das Kostüm war für zivilisierte zweistündige Ausritte in gut gepflegten Parkanlagen gemacht, nicht für eine endlose Reise durch die Wildnis. Alcys Haar war es bei Wind und Nässe kaum besser ergangen, und Alcy empfand es als persönliche Beleidigung, wie sich ihre Frisur allen Haarnadeln und Bändern widersetzte. »Wie weit noch?«, rief Alcy auf Deutsch ihrem Führer zu. Ihre Stimme drang schrill und unnatürlich laut durch den toten Nebel. Sie versuchte es noch einmal, um Unbekümmertheit bemüht: »Wann sind wir da? Sie haben gesagt, heute sei der letzte Tag.« »Jetzt, Fräulein«, wehte die Antwort durch das Weiß. Alcy spürte plötzlich eine Weite um sich herum, als seien sie über die Felsenklippe hinaus, die ihnen während des Aufstiegs von der einen Seite Schutz geboten hatte. Hatten sie den Gipfelgrat erreicht? Wie zur Antwort fegte eine Brise durch die träge Luft und zerfetzte den Nebel in lange Streifen, die wie tausend Schleier flatterten. Durch den aufgerissenen Dunst wurde der Führer sichtbar, und Alcy sah ihm zu, wie er sein Reittier zum Halten brachte. Ihr eigenes Maultier trottete noch ein paar Schritte weiter, bevor es Nase an Schweif hinter dem Leittier stehen blieb. »Warum halten wir an?«, fragte sie, wischte sich das ungebärdige Haar aus den Augen und hasste das nervöse Schrillen ihrer Stimme. »Geduld«, sagte der Mann teilnahmslos. Er hatte während der letzten sechs Tage jede Frage so teilnahmslos beantwortet. Alcy hatte keine andere Wahl, also blieb sie sitzen und wartete, spähte durch den Nebel nach einer Spur dessen, was sie erwarten mochte. Die Brise frischte zu einem Wind auf, und sie folgte dem abfallenden Pfad durch die aufklarende Luft mit den Augen bis zu jener Stelle, wo die Felsaufwallung vom dunklen Dickicht des Waldes geschluckt wurde. Sie konnte von ihrem Aussichtspunkt über die ausgezackten Baumwipfel sehen und die gegenüberliegende Seite des Tals ausmachen... und die Burg, die über dem Tal thronte. Sie stand am Rand eines felsigen Abhangs, nur ein wenig höher als der Bergkamm, auf dem sie rasteten, eisengrau und mit jäh abfallenden Mauern, die ausgezahnten Zinnen ungerührt auf den Wald herabgrinsend. Sie wirkte genauso uralt wie die Berge und nicht minder kalt. »Die Feste Vlarachia«, sagte ihr Führer. Er setzte sein Maultier wieder in Schritt, während Celestes Gebete zu einem panischen Crescendo anschwollen. Die Feste Vlarachia. Sie endlich zu Gesicht zu bekommen schien Alcy unfassbar, was insofern merkwürdig war, als ihr der Plan ihres Vaters überaus vernünftig und realistisch vorgekommen war, als er ihn ihr vor knapp einem Jahr unterbreitet hatte. Das Vorhaben war ihr auch dann noch praktikabel und - Alcy machte sich da nichts vor - recht romantisch erschienen, als sie die ersten schüchternen Briefe mit jenem Mann gewechselt hatte, der sich ihr als János vorgestellt hatte, derweil ihr Vater unauffällig und so, wie sie es vereinbart hatten, die finanziellen Fragen geregelt hatte. Ein unantastbarer Pflichtteil für die Braut, und der Rest der Mitgift unter der Bedingung der Eheschließung als Treuhandvermögen an den Baron. Mit dieser Sicherheit im Hintergrund hatte sie sich ihren Träumen hingegeben. Weswegen die lange Reise von England nach Wien und von dort die Donau hinab auch vom ersten Augenblick an das strahlende Glitzern eines Mädchentraums besessen hatte, dem weder die hässliche Sorge um das schnöde Geld noch die Anstrengungen der Reise etwas hatten anhaben können. Der Traum war ihr wichtiger gewesen als alles andere in ihrem Leben. Doch dann, als die Barkasse Orsova erreicht hatte, war über dem Fluss der Nebel aufgestiegen und hatte Alcy in ein undurchdringliches Gefühl der Unwirklichkeit gehüllt. Von dem Augenblick an, als sie auf den Kai getreten war, konnte sie nicht mehr glauben, dass all das auch wirklich geschah. Und das seltsame Duo, das sie am Kai erwartet hatte, hatte dieses Gefühl nur noch verstärkt. Es wird Sie jemand an den Docks abholen, hatte János ihr in seinem letzten Brief versichert. Und es hatte sie auch wirklich jemand erwartet. Doch János hatte ihr nicht mitgeteilt, dass sie keinen livrierten Kutscher vorfinden würde, der sie das kurze Stück zu einem Herrenhaus oberhalb der Stadt fahren würde, sondern ein grobschlächtiges Paar, das sie in die Tiefen der Wildnis führen würde, und zwar auf dem Rücken eines Maultiers, das Gepäck auf vier Kamele geschnallt - vier richtige Kamele! -, die hinter ihr hermarschierten. Was für ein Jammer, dass Tante Rachel krank geworden und mit ihrer Gesellschafterin und einem Lakaien in Wien zurückgeblieben war. Trotz ihrer Angst bedauerte Alcy, dass ihr die Reaktion von Tante Rachel entging. Der Kameltreiber sprach keine ihr vertraute Sprache, und ihr Führer schien nur wenige Brocken Deutsch zu beherrschen, das er zudem nur widerwillig benutzte - in der Regel, um ihr zu versichern, dass sie ihr Ziel bald erreicht hätten, sehr bald sogar. Und jetzt stand sie ihm gegenüber. Als sie wieder in den Wald eintauchten, versank Alcy benommen in einem Gewirr aus Gedanken und Gefühlen; sie war zum ersten Mal verunsichert, ob es klug gewesen war, dem Vorhaben zuzustimmen. Sie fasste reflexartig an ihre Halskette und legte die Finger um das Medaillon. Sie hatte während der letzten vier Monate so viel Zeit damit verbracht, die Miniatur zu betrachten, dass sie sich das Porträt des Mannes als perfekte Reproduktion ins Gedächtnis rufen konnte. In England hatte sie den zarten verschwommenen Goldschimmer, der sein Gesicht umstrahlte, für atemberaubend gehalten, doch jetzt setzten ihr die grotesken Möglichkeiten zu, die sich hinter der Ungenauigkeit des Porträts verbargen. Sie schob das Bild zur Seite, blätterte stattdessen im Geiste die liebevollen, wenn auch distanzierten Briefe durch, die er ihr geschrieben hatte, und versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich den Charakter ausmalte, der hinter den sorgsam respektvollen Phrasen stecken musste. Ganz in Gedanken versunken, bemerkte sie erst, als ihr Maultier stehen blieb, dass sie den Abhang umrundet hatten und am Schloss angelangt waren. Der Pfad hatte sich zu einer Straße verbreitert, die von dem Schlund im Bollwerk der Festung geschluckt wurde. Direkt vor ihnen ragte das geschlossene Tor auf, als müsse es eine Armee abwehren. Das Eichenholz war schwarz vom Alter - und vielleicht auch wegen des kochend heißen Pechs, das sich auf so manchen Feind ergossen hatte und dabei an die Planken gespritzt war. An beiden Seiten der Tortürme zog sich eine endlose Außenmauer hin, grau und kahl unter dem wolkenverhangenen Himmel. Bleiben wir jetzt einfach hier stehen, bis uns drinnen jemand bemerkt?, fragte sich Alcy, während ihr Führer stumm und geduldig das lädierte Eichenholz anstarrte. Gerade als sie ein paar Grußworte rufen wollte, fing das das Tor an zu knarren. Alcy wurde wieder bewusst, wie schrecklich sie aussehen musste, blass und müde von der Reise, mit vom Wind zerzaustem Haar und schlammbefleckten Kleidern. Ich kann da jetzt nicht rein! Sie verspürte den ersten Anflug von Panik. Auch wenn sie in mancher Hinsicht kaum als Lady durchging, so wusste sie doch, dass sie zumindest nach einer aussehen konnte, insofern man ihr Gelegenheit dazu gab, und ihr ganzes künftiges Glück konnte von dieser ersten Begegnung abhängen. »Warten Sie«, zischte sie dem Führer zu. Er erweckte nicht den Anschein, als habe er sie gehört. »Ich muss mich erst noch frisch machen«, fuhr sie schon ein wenig verzweifelter fort. »Ich muss mich umziehen, mein Haar richten -« Aber es war zu spät. Die Torflügel schwangen weit auf, die Dienstboten, die sie geöffnet hatten, kamen zum Vorschein und dahinter eine Ansammlung von Leuten, die sie mit großen Augen anstarrten. Der Führer ritt hinein, und Alcys Maultier folgte gehorsam. Zwischen der Außenmauer und dem rechteckigen Festungsbau, der stolz über dem Gewirr von niedrigen grauen Nebengebäuden aufragte, das sich in alle Richtungen ausbreitete, erstreckte sich ein breiter kahler Hof, auf dem sich Männer, Frauen und Kinder tummelten. Ein entlegener Winkel ihres Gehirns begann aus schierer Verzweiflung, die Leute automatisch abzuzählen, und hörte erst damit auf, als er bei zweihundert außer Takt geriet. Alcy saß stocksteif auf ihrem Maultier und versuchte, die gelassene, unterkühlte Aura der geborenen Lady zu verströmen, obwohl sie sich mehr denn je wie die herausgeputzte Tochter eines Kaufmannes fühlte und ihr Herz wie wild klopfte. Sie hatte nie an die Dienstboten und die Kleinbauern gedacht, sondern nur die vage Idee gehabt, dass es wohl welche geben würde - und hätte sie an all die Leute gedacht, hätte sie sich niemals ausgemalt, ihnen auf diese Weise zu begegnen - im Augenblick der Ankunft ihren abschätzigen Blicken ausgesetzt. Und sie hätte sich die Einheimischen in praktischen englischen Baumwollkleidern oder ordentlich genähten Mänteln und Hosen aus Wollstoff vorgestellt. Aber die Männer trugen unter den bauschigen Mänteln sonderbare orientalisch gemusterte Westen mit Kelchkragen, und die Aufmachung der Frauen konnte jemandem, der in Leeds aufgewachsen war, schlichtweg nur exotisch erscheinen. Hauben aus weißem Leinen rahmten die Gesichter der Frauen, breite Schürzen aus demselben Material bedeckten ihre Kleider, beides mit leuchtend bunten Stickereien in eckigen, fast schon barbarischen Mustern verziert. Alcy glaubte, in ihren Gesichtern die Züge der Reiternomaden zu erkennen, die vor Hunderten von Jahren diese Gegend durchstreift hatten - als seien sie wirklich Nachfahren der Hunnen, wie viele Ungarn so gern behaupteten. Bevor Alcy es richtig bewusst wurde, zog es ihren Blick von der versammelten Bauernschar fort zu einem Mann, der einsam abseits der Menge stand. Die Aura der Einsamkeit, die ihn umwehte, war zu enorm, als dass man sie allein profanen Faktoren hätte zuschreiben können, der physischen Entfernung etwa oder den andersartigen Kleidern. Sie beruhte auf dem, was er war - und Alcy wusste, dass er der Herr der Hauses war. Er trug einen Gehrock nach französischer Mode, wenn vielleicht auch vier oder fünf Jahre alt, farblich abgestimmte Hosen und eine weinrote Weste. Der edle Schnitt unterstrich den kraftvollen Körperbau, die breiten Schultern und die schmalen Hüften; wie er so breitbeinig dastand, waren die Muskeln selbst durch den Hosenstoff noch zu erkennen. Der Körper jagte ihr, noch bevor sie seine Gesichtszüge erkennen konnte, einen warmen instinktiven Schauder über den Rücken, eine Reaktion, wie sie sie von früher kannte, wenn sie unerwartet einem verblüffend gut aussehenden Mann in die Augen gesehen hatte - nur kam diesmal die Gewissheit hinzu, dass es zwischen ihnen beiden bald weit mehr als scheue Blicke geben würde. Denn Baron Benedek János würde bald ihr Gatte sein. Sie zwang ihren Blick nach oben, während ihr Führer die Tiere zum Stehen brachte, und stellte fest, dass der Mann aus unerklärlichen Gründen keinen Hut trug, ein glatt rasiertes Kinn hatte und Haare, die wie bei den romantischen Dichtern vergangener Generationen weit über den Kragen reichten. Einen Augenblick lang erschien er ihr wie der junge Apoll auf einer Miniatur, als er das Gesicht so in den Wind drehte, der sein helles Haar zerzauste. Doch dann sah er sie an, und sie begriff, dass seine Locken nicht im Geringsten golden, sondern silbern waren, durchzogen von Strähnen in tiefstem Schwarz. Die Haare rahmten sein faltenloses Gesicht, das von zwanzig bis fünfzig jeden Alters hätte sein können, die Gesichtszüge waren ausdrucksstark, doch eher fein als zerklüftet, und die Augen wiesen eine östliche Schrägstellung auf, was ihm, zusammen mit dem Haar, den Hauch von einer anderen Welt verlieh. Plötzlich wusste Alcy, warum die Frauen in den alten Balladen ständig ihren märchenhaften Liebhabern verfielen. Als sein Blick sie streifte, zog der Mann die Augen zusammen, und Alcy spürte, wie ihre Haut zu prickeln begann, ein Gefühl, das einen alarmierenden Übermut in ihr erweckte. Celeste, die verstummt war, fing plötzlich wieder innig an zu beten, und Alcy sah aus dem Augenwinkel, wie sie sich bekreuzigte, als sei der Mann ein Dämon, der gekommen war, um ihre Seele zu stehlen. Zu stehlen? Die Frau möchte ich sehen, die sich ihm verweigert, wenn er darum bittet, ging es ihr durch den Kopf. Der Baron - sie konnte diesen Mann nicht beim Vornamen nennen, auch wenn sie das in ihren Briefen die letzten vier Monate über freimütig getan hatte - kam auf sie zu. Alcy saß wie erstarrt da, beobachtete ihn fasziniert und mit trockenem Mund, während ihr Körper bei jedem seiner Schritte sang. Er bewegte sich mit einer Art kontrollierter Energie, wie sie ihr nie zuvor begegnet war. Die Augen unter den dunklen Brauen waren von einem kalten, hellen Blau, doch sie glühten von einer Charakterstärke, die Alcy gerne »Charisma« genannt hätte, so trivial das Wort auch scheinen mochte. Es war ihr nicht möglich, während er sich ihr näherte, die Gedanken zu ergründen, die in den Tiefen dieser Augen flackerten, dazu kamen und gingen sie zu schnell. Doch es war klar, dass er gar nicht erst den Versuch unternahm, sie vor ihr zu verbergen. Er war kein Mann, der seine Gefühle zu verbergen pflegte, wie immer sie auch aussehen mochten. Das hatte er nie nötig gehabt. Alcy beneidete ihn plötzlich zutiefst. Baron Benedek blieb neben ihrem Maultier stehen und packte den Steigbügel. Er wollte, dass sie abstieg - das begriff Alcy. Sie schwang sich steif aus dem Sattel, während ihr Magen vor Nervosität und unwillkürlicher Erregung flatterte. Der Baron nahm sie am Ellenbogen, bevor ihre Füße den harten Erdboden berührten, und sie verspürte einen kleinen freudvollen Stich in ihrer Mitte, auch wenn sein dicker Handschuh und ihr Ärmel sie noch voneinander trennten. Er hatte ihr vermutlich nur Halt geben wollen, aber dann nutzte er die Gelegenheit, ihren Arm unterzuhaken und sie fest an seine Seite zu ziehen. Alcy hatte die verrückte Idee, er fürchte, sie könnte fliehen, und wollte ihr vorsichtshalber jede Fluchtmöglichkeit abschneiden. Sie ging im Geist die langen, verschlungenen Pfade durch, die sie in den vergangenen sechs Tagen zurückgelegt hatten. Wohin hätte sie fliehen sollen? Wie? Und was ließ ihn glauben, dass sie das wolle? In ihren Überlegungen schwang ein leichter Anflug von Hysterie mit. Seine spöttischen Augen straften seine ernste Miene Lügen, und er sagte etwas in einer Sprache, die Alcy nicht verstand. Sie zwinkerte und starrte ihn wortlos an, ließ das Schweigen sich dehnen, bis sie sich genötigt fühlte, etwas zu erwidern, wollte sie nicht brüskierend erscheinen. Sie räusperte sich und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, als ihr die vielen sittsam zärtlichen Briefe wieder einfielen, die sie ihm geschrieben hatte, seit ihre Verlobung offiziell war. Jetzt, in seiner Gegenwart, schienen ihr diese Briefchen unerhört naiv, wie aus einem anderen Leben, und sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. »Herr Benedek, vermute ich?«, fragte sie zögerlich in dem Schuldeutsch, das ihre Gouvernante ihr beigebracht hatte. Der Baron zog die Augen zusammen, und Alcy fürchtete, in den funkelnden Tiefen einen Anflug von Bedauern zu erkennen. »In diesem Teil der Welt wird ein Adeliger mit seinem vollen Titel angesprochen«, erwiderte er gleichfalls auf Deutsch. »Ein Baron wäre nie nur ein Lord.« Des Fehlers wegen beschämt, schluckte Alcy gegen ihren rebellierenden Magen an. Sie hatte herausgefunden, dass die Ungarn den Familiennamen vor den Vornamen stellten; warum hatte sie nicht daran gedacht, auch über Adelstitel nachzulesen? »Also Baron Benedek?« »So ist es.« Die Worte waren tonlos. Er sah sie von oben bis unten an, besitzergreifend, abschätzig. Und sie erstarrte unter seinem prüfenden Blick, während ihr erneut die Hitze in die Wangen stieg, auch wenn die Wärme nichts mehr mit Verlegenheit zu tun hatte. »Willkommen im Schloss, Miss Carter. Sie sind sicher schon sehr gespannt auf Ihr neues Zuhause. Ich sorge später für eine Besichtigungstour, aber jetzt werden wir in der Kapelle erwartet. Der Pfarrer ist schon eine ganze Weile da.«

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